Bahnfahrt

Er seufzte, als sich die Anzeigetafel aktualisierte. Die Bahn sollte mit einer fünfundvierzigminütigen Verspätung eintreffen. Natürlich hätte man sich das denken können, aber man konnte ihm auch nichts vorwerfen. Soll der Chef doch sagen, dass er eine frühere Linie aussuchen sollte. Dabei wussten sie beide, dass das Unsinn war.

Sein Handy summte. Es war nicht sein Boss, sondern seine Tochter. Er schmunzelte leicht. Sie sollte eigentlich schon im Bett sein. Er schrieb ihr, dass er noch etwas erledigen musste, dass er spät nach Hause kommen würde und dass sie jetzt ins Bett gehen sollte. Sie rief ihn an, doch er wollte nicht telefonieren und drückte sie weg.

Er wusste, von wem sie ihre Ungeduld hatte.

Er stand nun auf und bewegte sich wie ein Tier im Käfig auf und ab. Er hasste eigentlich nicht das Warten an sich, sondern nur die Machtlosigkeit, die er verspürte. Er konnte nichts verändern, nichts bewirken. Nur Warten und hoffen, dass diese Bahn nicht ausfällt.

Es machte ihn rasend. Als die Anzeige auf sechzig Minuten hochschnellte, ging er raus aus dem stickigen Bahnhof. Es war schon tief dunkel, es war Vollmond. Er atmete durch und schloss die Augen. Wenigstens das konnte er kontrollieren.

Die Stadt schien vollkommen duster. Selbst der Bahnhof war miserabel beleuchtet. Nur ein Licht fiel ihm ins Auge. Es gehörte zu einem Bahnhofsladen. Dort ging er hin, in der Hoffnung, einen Kaffee zu bekommen. Als er den Laden betrat, fiel ihm sofort ein kleiner Teddybär ins Auge. Er wusste, dass sie ihn lieben würde. Er begutachtete ihn und stellte fest, dass die Qualität sich nicht von der eines anderen Kuscheltieres unterschied. Lediglich eine Naht schien etwas schief gezogen. Er blickte auf das Preisschild und schüttelte den Kopf. Dann sah er über seine Schulter, steckte den Bären in seine Jackentasche und verließ den Laden. Er wollte sich etwas beeilen, denn es wäre verschwenderisch die Bahn jetzt zu verpassen.

Er kam pünktlich am Gleis an. Der Zug fuhr ein und er bemerkte, dass ungewöhnlich viele Menschen ausstiegen. Aber er ließ sich nicht beunruhigen. Er schaute sich etwas um und ging nach einer Zeit auf einen Mann mittleren Alters im Maßanzug zu.

Dieser hatte ihn kaum gesehen, da brach er dem Mann auch schon mit einer gezielten Linken den Kiefer. Hätte er ihn nicht am Kragen festgehalten, wäre er zu Boden gegangen. Aber er war noch nicht fertig. Er schlug zweimal gegen den Bauch und trat ihm einmal fest gegen die Kniescheibe. Er ließ den Mann nun fallen und sprintete nach draußen in ein wartendes Taxi. Die Frau am Steuer fuhr direkt los. Er schnaufte. „ Hat zwar was gedauert aber ich habe alles getan, was der Boss gesagt hat.“ Die Frau lächelte und schaute in den Rückspiegel. „Hast du wenigstens was für mich mitgebracht?“

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