Die Taxifirma

Die junge Frau reagierte, im Affekt – blitzartig kniete sie sich zu dem Mann, der am Bahnsteig lag und sich vor stöhnenden Schmerzen krümmte. Sie konnte nicht sehen, was passiert ist

Sie ratterte den Fragenkatalog ab, den sie vor knapp drei Jahren für den Führerschein gelernt hat.

“Sind sie ansprechbar?”

“Mmpfmpf:“

Der Mann im Anzug  hielt sich schützend eine Hand vor dem Mund, der Kiefer hing locker herum, aber er schien ansprechbar zu sein. Die Liste ging weiter. “Soll ich einen Krankenwagen rufen oder Ihnen aufhelfen?”, Keine Antwort, nur zwei schlangenartige Augen, die sie giftig anstarrten. Plötzlich ein gellender Schrei, der Mann verkrampfte sich ein weiteres Stück mehr in die Embryonalhaltung.

Es war der Zeitpunkt, an dem die junge Frau namens Veronica ihr Telefon nahm und den Krankenwagen anrief. Wie gelernt blieb sie allerdings noch bis zum Eintreffen bei dem Verletzten. Auf einmal begann er in seinen Taschen zu suchen. Es schien den Mann nicht zu stören, dass sein von Blut triefender Mund den teuren Anzug besudelte – er ließ seinen Blick nicht von ihr und kramte ein kleines Buch heraus, das problemlos in die Hosentasche zu scheinen passte. Erst als er seinen Kugelschreiber relativ fest in seiner zittrigen Hand hielt, traute er sich, den Blick von ihr zu lösen und zu schreiben. Als er fertig war, schlug er das Buch zu und streckte seine Hand nach ihr aus. In diesem Moment überwog Veronicas Interesse ihren Ekel und sie nahm in einer flüchtigen Bewegung das Buch aus der Hand des Mannes. Doch sie steckte das Büchlein erst mal ein, bevor sie es genau ansah.

In dem Moment wurde ihr übel, sie realisierte, dass ihr überragend gutes Gedächtnis niemals wieder das Bild dieses brutal zugerichteten Mannes vergessen kann, mit der verdrehten Kniescheibe, dem schiefen Unterkiefer, der herunter baumelte und dessen Blut das weiße Hemd des Mannes in ein helles rot tauchte. Es fühlte sich nach Stunden an, jedoch erschien der Rettungswagen in lediglich zweieinhalb Minuten.

In sechsdreiviertel Minuten war der mittlerweile keuchende Mann auf einer Bahre. Nach acht Minuten und 17 Sekunden stand Veronica schließlich vor einer großen Blutlache und gelben Polizeibändern und war am Kotzen. Ihr schoss das Buch in ihrem Rucksack wieder durch den Kopf. Sie war schon ein gutes Stück vom Gleis weg Richtung Ausgang, da kam ihr ein kleiner, schmächtig gebauter Mann in Uniform entgegen. Sie musste herunterblicken zu dem kleinen Mann, der trotz allem einen Stolz ausstrahlte, der keinen Zweifel ließ, dass er der Chef der Truppe ist.

“Haben Sie gesehen was passiert ist?”, Veronica war verwundert von der rauen, festen Stimme. “Nein, ich habe ihn nur versorgt”. “Dann haben Sie sicherlich mit ihm gesprochen, oder?”, Veronica konnte ihn nicht leiden, er war ihr zu respektlos und sie erkannte eine gewisse Hinterhältigkeit in ihm. Sie behielt das Buch erstmal für sich. “Nein, der Kerl war damit beschäftigt seinen Kiefer festzuhalten“, sagte sie nachdenklich, der Zwerg erkannte ihren Zynismus offenbar nicht, denn seine Miene erhellte sich etwas und seine Stimme klang auf einmal sanfter: “Ich würde gerne Ihre Personalien aufnehmen, nur der Vollständigkeit halber.” Sie zückte ihren Personalausweis und er notierte alles. “Soll ich Ihnen auch einen Arzt rufen? Das war sicher ein Schockmoment für Sie”. Veronica bewegte ihren Unterkiefer etwas hin und her. “Danke, aber ich war gerade auf dem Heimweg und ich hab Hunger”, sie schnappte sich ihren Ausweis und ging endgültig vom Tatort. Der kleine Mann stieg noch mit in den Krankenwagen. Schließlich stand sie an der großen Kreuzung, an der sie täglich ungefähr zehn Minuten verbrachte. Der Drang wurde zu groß, als dass sie sich das Buch für Zuhause aufheben konnte – sie öffnete ihren Rucksack und blätterte durch das Buch des

Mannes und fand drei hektisch hineingeschriebene Zahlen:

612.

Das war alles, was Veronica im Buch fand. Die Ampel an der Kreuzung war schon längst grün, doch Veronica tat erstmal das, was jeder Mensch heutzutage tun würde:

Sie nahm ihr IPhone heraus und fragte zuallererst Google.

Die Frau und der Mann tanzten ausgiebig Salsa, die gut gefüllten Rotweingläser schwappten dabei immer wieder über auf den grauen Hotelteppich. Die Frau war blass und ihre Lippen hellrosa, doch sie bewegte sich so gekonnt, dass man fast denken könnte sie sei eine gebürtige Spanierin. Ihm dagegen sah man an, dass es eher das Adrenalin war, das ihn mittanzen ließ.

Und natürlich das Geld, das schöne Geld im ehemals prall gefüllten Reisekoffer. Die Scheine waren auf dem ganzen Bett verteilt, sodass man meinen könnte, die Decke fehle. Dieser Anblick war das Produkt eines wunderbaren Deals, denn die beiden hatten sich bereit erklärt, auch das Schweigen der Zeugen zu organisieren, wenn man ihnen die finanziellen Mittel (samt Bonus natürlich) bereitstellen würde. Sie hatten sauber gearbeitet, viel sollte also nicht anstehen.

Und als das Adrenalin wieder langsam auf ein normales Level ging, erstellten die beiden eine Liste und verfrachteten das Schmiergeld Stück für Stück in den Koffer. Je länger die Liste wurde, desto mehr sah man wieder die Decke und die nächste Weinflasche wurde leerer und leerer, diesmal nicht aus Freude, sondern aus Frust. Im Laufe des Abends kam dann auch die Nachricht, dass der Kerl, den er zusammengeschlagen hatte, tot und verstümmelt war.

Sie wurden für eine Tracht Prügel bezahlt und haben einen Mord geleistet – das entsprach nicht der erhaltenen Bezahlung noch der geplanten Schmiergelder – Mord war teuer, und sie waren diejenigen mit der Arschkarte: fliegt die ganze Sache auf, waren sie diejenigen, die man suchen und verurteilen würde, denn Ihr Auftraggeber hatte das Risiko auf sie abgeschoben. Man hat sie ausgetrickst.

Veronicas Begeisterung war überzogen von einer Welle der Unsicherheit. Worauf hatte sich die junge Frau eingelassen? Es wäre einfacher für sie gewesen, hätte sie es einfach bei dem Notruf gelassen, hätte sie dem schmierigen Mann nicht ihren Alltagstrott vernichten lassen.

Doch nun hatte sie ihr Handy in der Hand, auf dem Bildschirm leuchtete ein Gesetzestext:

 Eine Vergütung gilt als stillschweigend vereinbart, wenn die Dienstleistung den Umständen nach nur gegen eine Vergütung zu erwarten ist.

Der Paragraf 612 des Bürgergesetzbuches.

Willst du, dass ich für dich arbeite, dann halte schön deinen Geldbeutel bereit.

Ein einfacher Grundsatz, den alle Dienstleister kennen – Taxifahrer, Touristenführer, Kasinos, Prostituierte, Drogendealer, Auftragskiller…

Veronica verstand nicht wirklich. Sie überlegte nach mehr oder weniger schmierigen Dienstleistern in ihrer Stadt, die ihr weiterhelfen könnten – Die Taxen in ihrem Stadtteil lagen allesamt in der Hand einer alteingesessenen Familie, die ursprünglich aus Italien stammte, doch seit jeher führten sie kundenfreundlich ihr Geschäft, nirgendwo anders war eine Taxifahrt so billig und unterhaltsam wie bei den Giulianos.

Plötzlich erschien eine Eilmeldung auf dem Handy:

Mutmaßliches Gewaltverbrechen endet tödlich.

Veronica überflog den Text; viele Zeugen, aber keine konkrete Täterbeschreibung – männlich, groß, schwarze Jacke, neonblaue Turnschuhe. Opfer blieb keine Chance sich zu wehren, starb nach mehreren Wiederbelebungsversuchen im Krankenwagen, Leber zerrissen, Dickdarm stark beschädigt, zwei Finger fehlen an der linken, drei bei der rechten Hand, Handgelenk der rechten Hand gebrochen, Gesicht entstellt, nach kurzer Zeit nicht mehr ansprechbar und bewegungsunfähig.

Veronica wurde für einen kurzen Moment übel. Hatte sie falsch reagiert? War der Mann schlimmer verletzt als sie dachte? Was hätte sie anders machen können? Sie dachte über das Notizbuch nach. Hatte es überhaupt noch einen Wert, weiter zu recherchieren? Und vor allem, warum hat sie nicht gesehen, dass dem Mann Finger fehlten? Ausgerechnet sie, die kein Bild vergisst, in der Schule einhundert Zahlen auswendig vortrug? Hat ihr Gedächtnis sie im Stress in Stich gelassen, sie vielleicht sogar geschützt vor dem grauenhaften Anblick des verstümmelten Mannes?

Veronica rief sich ein Taxi. Ihre Stadt war keine, die Touristen anzog, doch sie beherbergte viele einsame Männer und einige unglücklich Verheiratete.
Veronica stand pünktlich vor der Haustür, das Taxi kam genauso pünktlich. Vor dem Steuer saß Salvatore Guiliano, der älteste Sohn. Er war ein wenig älter als sie, seine Haut hatte einen olivfarbenen Unterton und auch sein Gesicht wirkte mediterran, aber eher griechisch als italienisch. Veronica saß neben ihm auf dem Beifahrersitz, sie musterte ihn kurz, aber sehr genau. Ein Tattoo zierte seinen rechten Oberarm, halb vom kurzärmeligen Hemd verdeckt, doch sie erkannte das gängige Motiv des Ankers. Es wirkte etwas klein auf dem trainierten Oberarm, doch die Farben leuchteten messerscharf – Der Umriss des Ankers war ein Blau, das ähnlich schillernd und hell war wie das Blau der Südsee. Das Innere des Motivs dagegen war pechschwarz. Es war eindeutig, dass das kleine Glanzstück Qualitätsarbeit war, die Farben waren einzigartig, das Stechen gekonnt.

Die beiden begrüßten sich kurz, „Zu dem Bordell An der Ecke, bitte“, sagte sie. Der Mann nickte kurz, es schien ihn nicht zu verwundern.

Die meisten Taxifahrten führten zum Bahnhof. Dort kauften die anständigen Bewohner der Vorstadt regelmäßig abgelaufene Pillen und illegale Medikamente, der ein oder andere verkaufte auch härtere Betäubungsmittel. Gras kauften nur ab und zu neugierige Jugendliche, Kokain oder Heroin waren dagegen etwas für die Mittellosen, die man in den Gebüschen ihre Dosis drücken ließ. Die ordentlichen Menschen dagegen schluckten ein paar alte Ritalin-Tabletten oder kippten sich die Dosen voller Schmerztabletten aus den USA in den Rachen. Einige von ihnen gingen dann ins Büro, andere legten sich Zuhause schlafen (und wachten manchmal gar nicht wieder auf), doch es gab auch die ganz harten Fälle, die Ecstasy und drei chinesische Viagra-Pillen einwarfen, bevor sie „zur Ecke“ gingen und da ihre Lust auslebten. Kurzum gesagt – kein Laster war in ihrer Stadt so ausgeprägt wie die Drogensucht. Auch Veronica hatte ihren Dealer, die halluzinogenen Pilze lagen gut aufbewahrt auf einem Regal.

Es war die zweitbekannteste Adresse unter Taxifahrern, das rote Haus mit den pinken Lampen. „Ich warte kurz, ja?“, maulte der Fahrer, Veronica bezahlte ihn mit einem kleinen Trinkgeld, „Nicht nötig“, sagte sie, mit dem Bein schon aus dem Auto. Doch der Mann fasste sie bestimmt am Oberschenkel: „Sicher?“ „Sicher“, sie nickte und verließ das Auto, um in das Bordell zu gehen. Hände an ihren Oberschenkeln wird sie auch da aus dem Weg gehen müssen.

Veronicas Blicke schweiften fassungslos von Ecke zu Ecke, in jeder von ihnen spielte sich ein eigenes Treiben ab, ein in sich gekehrter Kosmos der Wollust. In der rechten oberen Ecke des Raumes war eine Stange montiert, an ihr tanzte eine Blondine, selbst für ein solches Etablissement war sie sehr notdürftig bekleidet – ein pinker Minirock, nicht viel breiter als ein Gürtel, aus einem billigen Kunstleder; dazu ein ebenso knappes und schäbiges Oberteil, mit ein paar schwarzen Spitzen dran. Sie war wie Veronica ungefähr zwanzig Jahre alt. Ihr gegenüber in der linken oberen Ecke gafften vier Männer die Stripperin an, allesamt alt, jeder von ihnen hätte ihr Vater sein können. Direkt rechts neben Veronica lag ein weiterer Freier auf seinem Rücken, die Nadel einer Spritze hing noch in seinem linken Unterarm, er schlief den Schlaf der Abhängigen. Der ganze Raum roch nach Schweiß und anderen Körperflüssigkeiten.

„Willste anschaffen?“, klaffte auf einmal eine ältere Frau von der linken Seite. Veronica sah der rothaarigen Frau das Alter an, vor fünfzehn Jahren tanzte die Dame vielleicht selber an der Stange, doch nun versauerte die Alte am Tresen und dirigierte die Lust der Kunden auf das geeignete Mädchen.

„Nein ich… ähm…“, Veronica war überrascht von der Direktheit. „Das erste Mal hier, wa? Pass auf Schätzchen, ich gib dir erstmal ne Karte mit allen Dienstleistungen und Mädchen. Wenn du wat hast wat dir gefällt, komsste nochmal zu mir, Allet klar?“ „Allet klar“, sie nahm ohne Umschweife die Karte und setzte sich etwas Abseits von den anderen Freiern in die linke obere Ecke.

Veronica studierte interessiert die Angebote, scannte nach ihrem einzigen Hinweis „612“ doch nirgends auf der Karte fand sich ein etwas. Plötzlich glitt eine Hand von hinten ihre Schulter entlang Richtung Brust, sie verkrampfte sich sofort, war bereit, zur Backpfeife auszuholen. Mit einem Mal war das Gesicht der Blondine vor ihrem, die Frau kam ihr unangenehm nah: „Soll ich dir mal was zeigen mein Engel?“ Veronica rückte im Stuhl nach oben, ein Stück weg, sie spürte die erwartungsvollen Blicke der anderen Gäste, doch sie war schließlich hier um etwas herauszufinden. „Was krieg ich für…“, die Augen der Prostituierten hellten sich bei Veronicas Worten auf, die Stühle der Schaulustigen drehten sich direkt in die Richtung der beiden hübschen Frauen „Sechs Euro und Zwölf Cent?“, ein leichtes Raunen ging durch den Raum, jetzt ging die Blondine einen Schritt zurück und schaute Veronica belustigt an, „Einen Kuss auf die Wange und eine halbe Umarmung“, die verführerische Stimme der Stripperin wurde schlagartig kalt.

Veronica wollte schon gehen, da blitzte es wieder in ihrem Kopf – ein Mann war tot, er war verstümmelt und sie, die mit einem fotografischem Gedächtnis gesegnete, erkannte es nicht, blendete aus, dass dem Kerl die halbe Hand fehlte und sein Schädel zertrümmert war.

Was zum Teufel passierte an dem Abend, dass ausgerechnet sie sich nicht genau erinnern kann? Veronica atmete tief ein, die Blondine war schon längst an ihre Stange zurückgegangen, da hob Veronica ihre Stimme und setzte all ihren verbliebenen Mut, all ihre Kraft in diesen einen Satz: „Und was kriege ich für sechshundertzwölf Euro?“, die Augen der alten Männer, die auf eine kleine Lesbenshow hofften, die goldig-glitzernden Augen der Prostituierten, alle Blicke waren auf sie gerichtet, aus der neugierigen Störerin in diesem kleinen Kosmos wurde die hübsche, frisch geoutete Lesbe.

Die verruchte Absteige, die sich Bordell nannte, war allgemein als solche bekannt – es handelte sich um keinen Edelpuff, wo die Flasche Champagner schon fünfhundert Euro kostete. In diesem Haus gab es für zehn Euro eine Flasche Billig-Wodka, das Exportbier für vier. Für die Stammkunden gab es auch mal ein paar Amphetamine, etwas Speed um den Spaß und die Leistungskraft in den Zimmern zu steigern, danach etwas Cannabis zum herunterkommen. Wer hier bereit war mehr als zweihundert Euro auszugeben, wurde wie ein König behandelt. Veronica war allerdings noch nicht klar, dass sie auch die Aufmerksamkeit von Menschen auf sich zog, die überhaupt nicht mit ihrem so spezifischen Preisangebot zufrieden waren; Menschen, die bereit waren bis aufs Äußerste zu gehen.
Hätte sie einfach die Klappe gehalten, wäre sie einfach nach Hause gegangen und WÄRE dort für die nächsten paar Tage geblieben nachdem man sie ausgelacht hatte – sie wäre nicht zur Mörderin geworden.

Die rothaarige Rezeptionistin griff zum Hörer, die Stimme der Blonden wurde süßer: „Dafür kriegst du ein sehr schönes Spezialprogramm, meine Hübsche“.

   Die Frau im Auto kramte nochmal kurz im Aktenkoffer. Die kryptische Auftragsbeschreibung, die Tatwaffe. Sie durfte nicht zu offensichtlich sein. Es pochte plötzlich aus dem Kofferraum. Sie legte alles auf den Beifahrersitz und zog ihre schwarzen Samthandschuhe an. So konnte sie nicht arbeiten. Sie schaute sich kurz um, dann öffnete sie den Kofferraum. Salvatore Guiliano stierte sie an, sein Gesicht verkrampfte sich um das Panzertape auf seinem Mund in eine aggressive Grimasse. Er versuchte die Hände auseinanderzuziehen, doch sein Fleisch schnitt nur noch tiefer in die Kabelbinder herein. Die Frau machte kurzen Prozess, ihre Rechte hielt nun die Nase des jungen Mannes zu, dessen Augen glänzten nun vor Angst, doch die Frau schien das vielleicht sogar ein wenig zu freuen. Wie ein Fisch wandte sich Salvatore im Kofferraum, versuchte wie ein Hering aus seinem Netz herauszukommen, doch die Frau arbeitete nun mit vollem Körpereinsatz, sie drückte ihn herunter, ihre Hände verkrampften sich ein wenig, doch alsbald verließ die Kraft den jungen Mann und die Frau löste langsam ihren Griff.
Zurück auf dem Fahrersitz nahm sie nochmal den Koffer und packte eine kleine Pistole dazu.

Veronica überlegte – wie weit war sie bereit zu gehen für diesen toten Fremden und seine drei Zahlen? Würde es sie weiterbringen, sechshundertzwölf Euro auszugeben, um eine Nutte zu kaufen, von der sie wahrscheinlich noch Hepatitis bekam? Sie war ohne Zweifel hübsch, eine Naturschönheit, von nahezu perfekter Figur; das Einzige was deutlich machte, in was für einem Etablissement sie arbeitete, waren die knappen Kleidungsstücke, die die hübsche Blondine eher schlechter als besser aussehen ließen. Auf einmal bemerkte Veronica eine Narbe unter dem Bauchnabel, die zum Teil vom Minirock abgedeckt und mithilfe von Schminke blasser gemacht wurde. Veronica erkannte die Art der Narbe, doch sie war zu aufgeregt um Zusammenhänge zu erkennen. Die junge Blondine war ansonsten stark gezeichnet von dem ständigen Sex, Drogen und gewalttätigen Menschen.

Veronica stand schweigend auf und ging. Es war ein Reinfall, der Mann könnte alles mit den Zahlen gemeint haben – was veranlasste sie dann ausgerechnet in ein Bordell zu gehen? Auf dem Weg nach draußen konnte sie es sich nicht noch einmal verkneifen, die rothaarige Rezeptionistin anzusprechen: „Was verdient so eine Frau wie die Blonde da so eigentlich hier?“ „Dat solltest du doch wissen!“, keifte sie gehässig zurück. Veronica ging endgültig raus aus dem Puff. Eine Dreiviertelstunde war sie nun da drin, und in den letzten acht Minuten nahm sie mehr Informationen auf als in der ganzen vorigen Zeit, seit sie Erste Hilfe leisten musste. Sie hatte so gut wie alles, ein kleiner Anstoß in die richtige Richtung und sie würde wissen, warum der Mann sterben musste. Mittlerweile regnete es, dunkle Wolken verdeckten die Sonne, es war dunkel und grau geworden, der Abend brach an. Veronica sah, wie ein Taxi von links die Straße herunter kam – es trug das gleiche Nummernschild wie das Taxi, das sie hergebracht hat. Hatte Salvatore Giuliano etwa auf sie gewartet?

Das Taxi fuhr langsam vor, am Steuer saß eine andere Person – zierlicher als Salvatore, die Person trug eine Baskenmütze tief im Gesicht. Veronicas spürte die Gefahr, es war als würde ein Schauer des Unheils über sie laufen, als das Taxi vorfuhr.  Doch wieder einmal überwog ihre Neugierde, zudem hatte sie zur Sicherheit stets ein kleines Messer dabei. Veronica stieg ins Taxi, die zierliche Gestalt stellte sich als Frau heraus – ihr Gesicht war zum größten Teil verdeckt durch die Mütze, einzig ihre rosafarbenen, vollen Lippen des sonst eher klein wirkenden Mundes waren zu sehen. Ihre Haut war schlohweiß im fahlen, verregneten Licht, sie trog schwarze Samthandschuhe. An ihren Unterarmen waren einige blaue Flecken zu sehen. Sie klickte sich durchs Navi, irgendwann fand sich dort Veronicas Adresse „Willst du dahin?“, Veronica nickte.

Die Frau fuhr gekonnt wie jemand, der sich in der Gegend auskannte und schon lange Auto fuhr – keiner von den Guilianos konnte so flüssig fahren und dabei jede Abkürzung erwischen wie diese Frau es tat, der nun wirklich nichts italienisches anhing. Zudem schwieg die Unbekannte ungewöhnlich stark; keine Eigenschaft, die viele Taxifahrer besaßen. „Du kennst dich hier aber gut aus“, Veronica war tatsächlich sehr beeindruckt von ihrer neuen Taxifahrerin, „Ist immer gut zu wissen wo die schnellsten Wege sind“, nun schaute Veronica der Frau das erste Mal in ihre dunkelblauen, runden Augen. Sie lächelte wissend und blinzelte mit ihren schwarzen Wimpern.

Kurz darauf standen sie vor ihrer Haustür, es hatte nur halb so lang gedauert wie auf der Hinfahrt. Der Taxameter war ausgeschaltet. „Wie viel macht das?“, Veronica kramte im Portemonnaie herum. „Geht aufs Haus. Junge Frauen sollten sich um diese Uhrzeit nicht in solchen schlechten Gegenden herumtreiben müssen“, das Lächeln von ihrem Gesicht war verschwunden, die Frau schaute ernst, „man wird in dieser Welt viel zu einfach hintergangen. Und ehe man sich versieht, ist man selbst der Verarschte“, Veronica wusste nicht was sie hätte sagen können, sie bedankte sich und stieg aus. „Warte!“, die Taxifahrerin hatte das Autofenster heruntergelassen, „Du hast deinen Koffer vergessen“, „Ich hatte gar keinen Koffer“, entgegnete Veronica stutzig, „Natürlich hattest du einen“, die Frau zeigte ihre einen silbernen Aktenkoffer, ein klassisches Modell zum Transport von Geld, oder, wie es allgemein hier üblich war, zum Transport von Drogen. Veronica nahm den Koffer an, er hatte einen dreistelligen Code – Veronica wusste natürlich welcher es sein sollte und konnte es kaum erwarten in ihrer Wohnung das geheimnisvolle Geschenk zu öffnen. Sie legte den Koffer alsbald auf ihren hölzernen Wohnzimmertisch, drehte am Schloss bis die Zahlenkombination 612 aufkam. Es klickte.

   Die Frau ließ ihr Gesicht tief in ihrer Mütze verborgen, jetzt erwischt zu werden würde alles ruinieren – doch sie ließ es sich nicht nehmen das Taxi samt Sohn möglichst nah zu dem Anwesen der Giulianos zu fahren. Es war natürlich einerseits schlichte Professionalität – der Sohnemann sollte schnell gefunden werden, die Reaktion der Familie sollte möglichst bald erfolgen. Auf der anderen Seite empfand sie eine gewisse Genugtuung darin, der Familie, die sie über den Tisch gezogen hatte, nun ihren Sohn genommen zu haben. Natürlich war es nicht nötig, ihn umzubringen, es war noch nicht mal mit ihrem Komplizen abgesprochen, doch nun konnten sie beide zumindest behaupten, echte Mörder zu sein, nicht nur ein paar kleinkriminelle Schläger. Bald war Feierabend, die Giulianos kamen dann alle nach Hause oder meldeten sich zumindest, wenn sie noch Fahrten erledigen würden – es war kein Geheimnis, sie waren Verbrecher, Geschäftsmänner, die den Drogenhandel beherrschten. Sie hatten aber keine Angst vor der Polizei, die Frontarbeit übernahm keiner aus der Familie; hauptsächlich andere Süchtige, die sich damit ihre eigene Abhängigkeit finanzierten und von denen ging keine Gefahr aus, das sie diejenigen anschwärzen, von denen sie ihren Stoff bekommen. Daneben neigte die Polizei dazu, Heroinabhängige nicht sehr ernst zu nehmen. Doch es kam schon mal vor, dass der ein oder andere Abhängige eine Glasscherbe oder eine Spritzennadel in die Hand nahm um sich sein Zeug gewaltsam zu beschaffen. Deshalb wurden alle unruhig, wenn sich jemand nicht meldete. Die Frau parkte das Auto in eine kleine Parklücke, gut vierhundert Meter weit entfernt vom Haus. Sie schaute sich kurz um, ob auch niemand in der Nähe sie beobachten könnte, dann stieg sie aus, immer noch die Handschuhe an und das Gesicht verdeckt von der Baskenmütze. In ihren Augen flammte pure Freude, es schien, als würden ihre blauen Augen für einen kurzen Moment Feuer fangen, Vergeltung brannte in ihrem Blick.

Veronica schaute erschreckt in den Koffer, er war fast leer, einige Zettel, ein kleines Fläschchen, nicht größer als die Ampulle einer Parfüm-Probe.

Doch es war diese kleine, mattschwarze Pistole, die Veronica zittern ließ. Veronica nahm sie in die Hand – es war lange her, da belegte sie mal einen Kurs für einen Waffenschein; doch dabei blieb es, eine eigene Waffe kaufte sie sich nie und auf dem Übungsplatz schoss sie auch nur ein einziges Mal. Sie nahm die Pistole vorsichtig in die Hand, sie war leichter als die Waffen, womit sie damals lernte. Sie merkte schnell, dass die Pistole geladen und einsatzbereit war, bevor sie sie vorsichtig wieder zurücklegte. Danach nahm sie sich die Ampulle, es war eine einfache Durchstichflasche, wie sie häufig in Krankenhäusern genutzt wurde, um Flüssigkeiten für Injektionen aufzubewahren. Sie war allerdings auch recht beliebt bei den lokalen Drogenabhängigen. Die Flüssigkeit darin war durchsichtig wie das Glas.

Veronica war unsicher, ob sie sich um den Koffer der mysteriösen Frau freuen sollte – Sie wollte eigentlich nur nach Hause, sich sammeln, alles verarbeiten und verknüpfen und nun kamen noch diese Sachen auf sie zu. So viel Information. Veronica war überlastet, erschlagen von all den Hinweisen und Indizien.

Sie, das Mädchen mit dem Gedächtnis das niemals vergisst, war überfordert.

Womöglich war das der Grund, warum sie sich eine Spritze heraussuchte, denn Drogen waren ja auch ihr nicht ganz fremd, und sich die transparente Flüssigkeit in die Venen schoss.
Wenn es das war, worauf die Frau im Taxi hinzielte, dann könnte man sie wohl als Genie bezeichnen, denn was daraufhin passierte, war nur in ihrem besten Interesse.

Als sei es ein Anästhetikum, so spürte Veronica, wie das Zeug in einem drückenden Schmerz durch ihren Arm floss, sich hocharbeitete, bis es sich im Torso ausbreitete und durchs Herz ging. Ihr wurde etwas schwindelig, sie nahm einen Zettel aus dem Koffer,  er war handgeschrieben und die Schrift war relativ groß, sodass Veronica, der zunehmend schwindliger wurde, ihn kaum lesen konnte:
Revier in Gefahr… Handel gefährdet… Eindringling… solide Warnung… Zeugen euch überlassen…“, Die Buchstaben flossen immer mehr vor ihren Augen dahin, ihre Hände zitterten. Veronica spürte die Angst in ihr aufsteigen – sie musste Hilfe holen. Sie griff um sich, panisch, denn es wurde schwarz vor ihren Augen. Veronica spürte ihr Mobiltelefon in der Hand, entsperrte es mit Mühe und versuchte dann, irgendwen anzurufen. So langsam wich die Dunkelheit und sie erkannte nun auch schemenhaft das Handy, doch die Sicht reichte nicht aus, irgendwen Konkreten anzurufen. Irgendwann tutete es, sie führte das Handy zum Ohr – sie hatte beim Taxiservice angerufen.

„Ja?“, fragte eine leicht gebrochene Stimme. „Hi“, antwortete sie, „ich brauche ein Taxi zum Krankenhaus, könnte Salvatore Guiliano mich abholen?“, der Mann am Telefon war kurz stumm, grunzte dann aber zustimmend, Veronica nannte ihre Adresse und legte auf.

Es war nicht nur das eigenartige Mittelchen, das Veronica so angsterfüllt werden ließ – ihr schwirrten so viele Fragen durch den Kopf.

Was sollte die Pistole? Was hat es mit dem komischen Zettel auf sich? Und vor allem fragte sie sich, was zur Hölle sie sich da in den Arm gerammt hat. Sie ahnte Furchtbares, und sie hoffte, dass Salvatore ihr helfen könnte die Puzzleteile zusammenzufügen. Das hätte er auch wahrscheinlich, doch leider vegetierte er gerade provisorisch im Gartenhäuschen seiner Familie, nachdem sie ihn leblos aus dem Kofferraum seines Taxis geholt hatten und nun nach dem Mörder – oder der Mörderin – suchten.

Veronica erholte sich gerade so langsam, da hämmerte jemand gegen die Tür. Sie schaute durch den Spion und erkannte die Umrisse des Guiliano-Patriarchen. Gegen diese Uhrzeit wurde sie vom Chef persönlich abgeholt? Auch noch an der Haustür? Bevor Veronica sich  die Frage stellte, wo denn Salvatore war, oder warum ihr Taxifahrer so ruppig war, öffnete sie erleichtert die Haustür –  denn nachdem sie fast erblindete, ging es wohl nun aufwärts. Sie hatte die Türe kaum einen Spalt geöffnet, da riss der Guiliano die Tür auf und stierte in Veronicas Wohnung, sodass sie gut drei Meter nach hinten flog. Sie fiel auf den Kopf, schlagartig verschwamm wieder das Bild von ihren Augen, in ihren Ohren erklang ein schrilles Piepen. Vor ihr, einige Schritte von ihr entfernt, erkannte sie die bullenhaften Umrisse des Mannes, er grölte Beleidigungen und frage sie eindeutig etwas. Veronica verstand nichts, alles wurde übertönt von diesem grauenhaften Tinnitus. Doch allmählich sah sie wieder etwas, sodass sie hastig aufsprang und ein paar Schritte zurück ging – das Gesicht des Mannes war knallrot, er fletschte die Zähne wie ein Raubtier, in der Rechten hielt ein Stillet, es wirkte ungewöhnlich wuchtig in der fleischigen Hand des Giulianos. Langsam verschwand das Piepen, Veronica versuchte, etwas zu verstehen. „Mein Sohn!“, bellte der Mann, bevor er mit einem gellenden, schmerzerfüllten Schrei auf sie zu rannte, das Stillet in tödlichster Absicht auf sie gerichtet. Veronica reagierte in Sekundenbruchteilen, sie sprang zurück zum Koffer, den sie noch nicht mal geschlossen hatte. Doch sie stürzte abermals, als sie nach der Pistole griff, riss den ganzen Tisch mit sich, der sie fast begraben hätte, doch sie hielt die Waffe in der Hand.Veronica rollte sich auf den Rücken, der Guiliano stand nun kurz vor ihren Füßen.

Veronica zielte, entsicherte und drückte ab. Die Kugel schlug in seine Rippen, der Knall klang eher wie ein Zischen. Sie schoss nochmal, diesmal genau in die rechte Schläfe. Veronica hörte, wie die Kugel aufkam, es klang wie ein Vogel, der gegen die Fensterscheibe fliegt. Guiliano Senior plumpste wie ein Sack Kartoffeln nach hinten. Veronica wich die Farbe aus dem Gesicht, ihr wurde schlecht, der Schwindel nahm zu. Die Glasampulle aus dem Koffer lag zersplittert neben ihr.

Es war Zeit, nach Antworten zu suchen.

Sie stand auf, stolperte fast über den leblosen Giuliano und suchte dann auf dem Podest direkt über dem Fernseher, ein gutes Stück höher als sie selbst, nach der Schachtel. Ihre Augen waren noch ganz benebelt, ihre Hände zur Feinmotorik untauglich, sie schmiss eine Uhr um, eine Blumenvase; bis sie die Schatulle endlich in ihren Händen hielt, war viel kaputt gegangen. Als Veronica sie öffnete, umhüllte sie der modrige Geruch der Pilze.

Später sollte sie sich fragen, warum sie damals so irrational reagiert hatte und gleich drei der Magic Mushrooms einwarf. Sie wird es auf das Gift in der Flasche begründen, genauso wie sie die Wirkung daraufhin schlussfolgerte.

Innerhalb weniger Sekunden kippte sie um und plötzlich befand sie sich wieder an der Bahnstation. Leute stiegen aus, ein gutes Stückchen vor ihr, wo der Mann liegen sollte, stand die Blondine, im gleichen, billigen Outfit das sie im Bordell trug, die Schminke war verwischt, als hätte sie geweint. So stand sie dort – und lächelte Veronica an. „Jetzt passiert es“, die Stimme der Blondine schien direkt an ihrem Ohr zu sein, doch Veronica starrte sie immer noch an, wie sie zwischen all den Menschen stand. Plötzlich kam der Mann vorbei, Veronica stand nun zwei Meter vor der Blondine und zwischen ihnen der Mann, der kurz anhielt, um auf seine Uhr zu schauen. Mit einem Mal wurde alles langsamer, ein weiterer Mann kam angerannt; groß gebaut, das Gesicht im Mantel halb verborgen, ein paar schwarzer Samthandschuhe, dazu neonblaue Turnschuhe. Er hatte keins dieser furchterregenden Gesichter, das einen im Traum verfolgen würde. „Ein Gesicht wie jedes andere“, die Blondine grinste, „einer von vielen ungeduldigen Idioten, die hier versuchen noch im Lauf die frühe Bahn zu erwischen. Aber die Schuhe“, flüsterte sie. „Oh diese verdammten, potthässlichen Schuhe!“, die Prostituierte lachte hämisch. Nun standen sich die Männer direkt gegenüber, der Eine brach dem Mann mit der Uhr mit  einem einzigen Schlag seinen Kiefer, danach einige präzise Schläge in die Magengrube und ein Tritt aufs Knie. Die Passanten starrten fassungslos. Der Mann fiel zu Boden. „Schau hinter dir“, Veronica sah, wie sie selbst angelaufen kam. Der Schläger dagegen entfernte sich in genau diesem Moment vom Geschehnis. „Du hast ihn auch nicht bemerkt, oder?“, „Die Schuhe lenken vom Rest seines Aussehens ab, deshalb die ungenauen Zeugenaussagen“, antwortete Veronica. „Der Segen des Allerweltsgesichts“, die Blondine machte eine Pirouette. „Die beiden sind nun mal Profis“, sie zwinkerte. „Die Beiden?“, fragte Veronica ungläubig, „Ach Schätzchen, die Handschuhe siehst du doch nicht das erste Mal, oder?“ „Die Frau im Taxi war im Fluchtauto“, Veronica verstand allmählich, „Kein Wunder, dass sie so gut fahren konnte, es ist ihr Job. Aber warum hat sie mir denn diesen Koffer gegeben?“ „Immer der Reihe nach, meine Schöne“, die Stimme der Blondine quietschte. „Willst du nicht wissen, wieso er sterben musste?“

Der Mann wurde rausgetragen von den Sanitätern, die Blondine und Veronica folgten ihnen bis in den Krankenwagen, darin standen der kleine Polizist und zwei breitschultrige Sanitäter, zwischen ihnen der auf der Bahre fixierte, verletzte Mann. Veronica stand an den Füßen des Mannes, die Blondine am Kopfende, ihr direkt gegenüber. Die anderen bemerkten sie nicht. „Was siehst du, Schätzchen?“ Veronica holte aus: „Wenn mich mein Gedächtnis nicht komplett im Stich gelassen hat, dann war der Mann hier zumindest außer Lebensgefahr als ich ihn traf  – und er hatte auch noch alle Finger“, „Warum hackt man einem Mann die Finger ab?“ „Entweder man will Informationen oder ihn kampfunfähig machen.“ Und wie reagiert jemand, der sich im Krankenwagen befindet und merkt, dass man ihn umbringen will?“, sie klang leicht sarkastisch; tatsächlich versuchte der Mann, um sich zu schlagen und traf die Anderen mehr als einmal. Diese versuchten ihn mit roher Gewalt festzuhalten, Erklärung für die anderen Verletzungen, doch, plötzlich nahm der eine Sanitäter ein Messer, mehr Hackbeil als Skalpell, und ließ es einmal auf jede Hand sausen. Der Mann jaulte vor Schmerz.  Nun griff der Polizist ein, trotz seiner kleinen Statur verfügte er über enorme Kraft sodass der Mann sich keinen Zentimeter bewegen konnte, als einer der Sanitäter ihm eine Spritze setzte. „Und deshalb solltest du dir niemals alles in deine Venen jagen, was dir mysteriöse Killerweiber geben“, Veronica schaute betölpelt. „Das war Gift, meine Schöne! Nicht so viel wie sie ihm da geben aber mehr als genug!“, sie deutete auf den Mann, der nun am ganzen Leib zitterte und Schaum vor dem Mund hatte. „Und was ist jetzt mit dem Koffer?“, Veronica wurde ungeduldig. „Denk mal an deinen neuen Lieblingsparagrafen – die Beiden wurden für ein paar Schläge bezahlt, nicht für Beihilfe zum Mord! Man hat sie ums Ohr gehauen, sie mussten auf einmal sogar Polizisten bestechen. Natürlich helfen sie dir da.“ „Ich verstehe es nicht“, Veronica hörte wieder ein Piepen, „wer wollte ihn denn Tod sehen?“ „Erinnerst du dich an den anderen Zettel im Koffer?“; Veronica nickte zustimmend, „Hast du dich mal gefragt woher die ganzen Scheiß Drogen hier herkommen?“, die Stimme der Prostituierten überschlug sich. „Die Giulianos verticken den Scheiß, glaubst du echt Taxifahren bringt so viel Kohle?“ Veronica zeigte auf den Mann, der nun  endgültig tot war: „Und der da wollte sich selbstständig von denen machen?“ Die Blonde lachte, „Er ist schlichtweg Konkurrenz gewesen! Mehr nicht!“, Veronica spürte Panik in ihr aufsteigen, hat sie ihr Leben etwa für einen Drogendealer geopfert und einen anderen deswegen erschossen? „Und was machst du dann hier in diesem Drama?“, Veronica schrie sie verzweifelt an. Die Stimme der Nutte glich einem leisen Windhauch: „Jetzt blickst du durch“. Mit einem Mal waren sie wieder an der Bahnstation, keine Menschenseele abgesehen von ihnen war hier. Die Blondine rieb sich über ihren blanken Bauch, Veronica schaute auf die Narbe. „Du hattest einen Kaiserschnitt“, sagte sie leise und bei den Worten verschwand die Narbe und der Bauch der Frau wurde immer größer und runder. „Es gab nur einen der stets sechshundertzwölf Euro zahlte“, sie sprach gebrochen, die Schminke in ihrem Gesicht schien noch mehr zu verwischen, „und dieser Mann bekam jeden Sonderwünsch erfüllt. Leider war er ein unvorsichtiger Mann. Er dachte, eine Hure zu schwängern ist nichts Großes“; sie zischte die Worte aus wie eine Schlange, „doch in einem so kleinen Bordell halten wir zusammen. Und der Chefin hat es nicht gefallen, dass eines ihrer wenigen hübschen Mädchen ausfiel und sie sich so viel um sie kümmern musste. Fürs Abtreiben war es dann schon zu spät; und der Kerl hat sich nie wieder blicken lassen“. Veronica fiel ihr ins Wort „Deshalb bringt man jemanden um?“, „Naja sagen wir man hat es geduldet. Man will es sich ja auch nicht mit dem lokalen Taxifahrer und Drogendealer vermiesen“, die Welt wurde auf einmal dunkler. Veronica spürte, dass sie langsam wieder aufwachte, doch die Blondine war noch nicht fertig: „Als du mit deinen 612 Euro anfingst, da hast du das hier alles in Gang gesetzt – du hättest nicht so viel Aufmerksamkeit auf dich ziehen sollen! Dann hätte die Chefin nicht deine neue Taxifahrerin angerufen, dann wäre niemand in dein Haus gestürmt, als du dumme Kuh nach dem toten Salvatore gefragt hättest! Doch du bist sogar zum Racheengel dieser Killer-Schlampe geworden!“, Veronicas Sicht verging immer mehr, sie hatte noch so viele Fragen, doch auf diese sollte sie keine Antworten mehr von der Prostituierten bekommen. Sie war wieder in der Wohnung, der Leichnam lag an der gleichen Stelle wie zuvor.

 

 

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