Entscheidungsmomente und die Zeit

Er liebte es.

Er liebte es wie nichts anderes und in diesem Moment schien es absolut. Er hat sein Leben lang deswegen geschuftet und immer damit herumgespielt und er genoss jede Sekunde davon. Schon immer fühlte er sich von Macht angezogen. Er übte es leidenschaftlich aus und war gut in den Spielen, die er trieb. Und jetzt, wo er dort saß spürte er es vollkommen. Er erkannte eine Machtsituation immer an einem leichten Kribbeln in der Nase.

Jetzt war es schon fast ein Niesen. Er lächelte, ja grinste fast abnormal. Aber wieso auch nicht? Er konnte es sich auch leisten. Sind diese Momente nicht dafür da?

Für ihn schon.

Er würde wahrscheinlich lauthals lachen, wenn er nicht umzingelt von Menschen gewesen wäre, die ihn dann, völlig zu Recht, verständnislos angestarrt hätten.

Aber Lächeln konnte er. Das wusste er. Das hat er sich schließlich angewöhnt – es war sein Erkennungszeichen geworden. Sein leicht süffisantes Schmunzeln, das vorausschauend denen, die es kannten, die Möglichkeit gab, wegzulaufen oder sich zumindest auf das Unheil vorzubereiten, das unmittelbar drohte.

Es war ihm schon klar, wie er sich entscheiden würde.

Er wunderte sich, warum das seinem Gegenüber nicht klar war. Er wäre ja nicht da gewesen, wo er war, würde er sich jemals so entscheiden. Warum stellte man ihm also diese Frage? Hoffte man auf eine Überraschung, oder gar ein Wunder? Oder war der Kerl, der vor ihm saß wirklich so blöd wie seine Frage es vermuten ließ?

Ihm war das eigentlich ziemlich egal. Er wusste schließlich, dass er heute keinen überraschen wird.

Er tat nochmal so, als würde ihm diese Entscheidung schwer fallen, legte den Kopf leicht zu Seite, kniff das rechte Auge leicht zu, seufzte nachdenklich und zupfte an seinem Jackett. Er schenkte sich noch einen Kaffee ein und wusste, dass er nach dem ersten Schluck seine Entscheidung bekannt geben muss. Er nahm einen kleinen Schluck, denn durstig war er eigentlich nicht, und seufzte nochmals, aber erleichternd, als hätte er seine Entscheidung endlich getroffen. Jetzt war es an der Zeit, die Karten auf den Tisch zu legen. Er musste nun das aussprechen, was ihm die ganze Zeit durch den Kopf flog. Etwas, das ihm sein Lächeln nun verfliegen ließ.

Zumindest oberflächlich. Es war ein hellfreudiges Ereignis für ihn und er missbilligte die Missbilligung der anderen, die nicht zuließen, dass er sich noch mehr Zeit nahm, um diesen Augenblick auszukosten. Aber sie hatten Recht. Er hatte sich schon viel zu viel Zeit herausgenommen.

Mehr Zeit als er brauchte, aber weniger als er haben könnte.

Er wusste, wenn er dieses Gefühl hatte, war es immer der beste Moment, aufzuhören und zum Punkt zu kommen.

Doch wie immer war er drunter und drüber, diesen Moment mit winkender Hand vorbeiziehen zu lassen, um das Spiel bis zum bitteren Ende auskosten zu können.

Er war ein ungeduldiger Mensch, aber Entscheidungsmomente wie diese hätte er in Zeitlupe erleben können. Wäre er auf der anderen Seite des Tisches, er hätte seinem Gegenüber schon längst ins Gesicht geschlagen.

Aber das war er nunmal nicht.

Er saß auf seinem Platz und wippte mit dem Stuhl, der bei jeder Bewegung knarzend feststellen zu schien, dass er auch so langsam die Nase voll hätte.

Aber er wollte noch nichts beenden – nichts von dem aussprechen, was er schon längst entschieden hat.

Er räusperte sich und merkte, dass er einen Frosch im Hals hatte. Er deutete an, man möge sich einen kleinen Moment gedulden, während er sich ein Glas Wasser einschenke. Die Hälfte des Wassers verfehlte das Glas, seine Gegenüber sahen ihn mit großen Augen an. Er spürte einen Schmerz in seiner Brust und lächelte schief. Dann kippte er von seinem Stuhl.

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