Artikel getaggt mit "Krieg"

Mordecais Klavier Kapitel 9: Angst und Vorausahnung

Gepostet von am Mai 19, 2017 in Mordecais Klavier

Als Pastor Hoeffers Kopf wie der eines Schuljungen aus der Tür seiner Kirche lugte, war es schon am Dämmern. Er wirkte verängstigt, doch vielleicht fror er auch nur aufgrund des aufkommenden Winters. Seine Kutte wehte leicht, doch er hielt sein Holzkreuz fest umschlossen. Man konnte nicht genau erkennen, ob er das Kruzifix vor dem Wetter schützen oder das Kreuz näher an sein Herz drücken wollte. Es war ein schlichtes Kreuz, bescheiden wie der Gottesmann selbst, doch für ihn hatte es einen ungeheuren Wert.

Mehr

Mordecais Klavier Kapitel 8: Herbstfrost

Gepostet von am April 1, 2017 in Mordecais Klavier

Herbstfrost

Die Tage vergingen und langsam schleppte sich unser Schicksal von Woche zu Woche, um jede Stunde, in der wir den Anmarsch der SS fürchteten. Wir wollten zurück, wie vereinbart nach zwei Wochen, doch der Pfarrer bat uns inständig in seinen Briefen, auszuharren.

Mehr

Mordecais Klavier Kapitel 6: Respekt

Gepostet von am August 10, 2016 in Kurzgeschichten, Mordecais Klavier, Uncategorized

Kapitel 6: Respekt

Ich fiel. Es war dunkel, doch ich spürte, dass mich Gestein umgab. Kalte Steine, an denen Moos wuchs. Ich fühlte, wie klares Wasser an ihnen entlang rannte und zählte die Sekunden, die ich mich jetzt schon im freien Fall befand.

Eine Sekunde. Zwei Sekunden. Drei Sekunden.

Etwas umfasste meinen rechten Arm. Ich roch die staubigen Steine und schmeckte das nasse Moos. Auch das kalte Wasser fühlte ich in meinen Händen. Doch ich sah nicht, was mich da so unnachgiebig Richtung Boden drückte.
Ich riss meine Augen auf. Vor meinem Bett stand der junge Mann, mit dem ich gestern im Speisesaal mein Brot teilte. Er fuchtelte aufgeregt mit den Händen und sagte etwas auf polnisch. Ich versuchte aufmerksam zuzuhören, doch ich verstand kein Wort. Ich schüttelte verwirrt den Kopf, sodass er anfing, langsamer zu sprechen. Jetzt verstand ich wenigstens ein Wort: “Sigvarda, Sigvarda!”, sagte er und deutete auf die Tür.

Ich raffte mich aus meinem Bett und zog mir ein Hemd über. Vor der Tür stand die Schwester. Sie sah mich grimmig an: “Wir haben einen Problem.”

Mehr

Schneesturm

Gepostet von am April 1, 2016 in Kurzgeschichten

Es war diese grässliche Rastlosigkeit.

Dieser ständiger Drang, sich bewegen zu müssen, gepaart mit der furchtbaren Vorahnung, dass eine etwas zu unsichere oder zu steife Bewegung mit etwas Pech ein tödliches Ende nähme.

In diesem Dilemma befanden sich natürlich erstmal die Neulinge, die die Front zuvor noch nie gesehen hatten. Aber je länger er hier nun an der Front feststeckte, umso mehr hatte er das Gefühl. dieser Drang käme zurück.

Ebenso machte ihm das Atmen zu schaffen. Er spürte eine impulsives, eisiges Zerren in seiner Brust, sein Hals war wund und schmerzte vom rasselnden Husten, der ihn plagte.

Mehr

Die Abreise

Gepostet von am April 1, 2016 in Kurzgeschichten

 

Wo war denn sein Hut?

Er brauchte seinen Hut. Er brauchte ihn dringend. Es wäre fast selbstmörderisch keinen Hut mitzunehmen.

Auf der Ablage war er nicht, und auch in seinem Koffer war er nicht versteckt. Dabei hatte er ihn doch eben noch gesehen.

Das war alles deren Schuld. Was trieb die dazu, so früh anzurufen? Am liebsten würde er jetzt einfach nach oben gehen und ausschlafen.

Aber das konnte er nicht.

Denn wenn er ehrlich war, wusste er, dass er schon lange vor dem Anruf wach war. Er war nunmal ein Frühaufsteher, also schon längst ausgeschlafen. Außerdem musste er ja weg. Das war seine Aufgabe. Er sah nochmal hinter den Jacken in der Garderobe.

Mehr