Mordecais Klavier Kapitel 1-5

Mordecais Klavier

Kapitel 1: Kopf oder Zahl?

Aus dem Radio hörten wir tosenden Beifall, der mit der Stimme Hitlers immer lauter wurde. Willhelm und ich saßen am Tisch und lauschten dem Radio, das zwischen uns auf dem Tisch stand.

Hitler referierte abermals über das Ermächtigungsgesetz, als Elisabeth den Raum betrat und uns vorwurfsvoll anstierte: “Mach das aus”. Willhelm leistete ihr Folge. Elisabeth schlurfte zum Klavier, das sie mit einer Plane abgedeckt und wo sie nun ihre Spiritousen stehen hatte. Sie goss sich einen Hochprozentigen ein. Ich holte tief Luft – es war noch nicht einmal Nachmittag: “Das Radio auszuschalten löst das Problem nicht,” zischte ich sie an, “die Nazis werden immer mächiger und wir müssen zumindest wissen, was sie vorhaben.” “Und du glaubst ernsthaft, Goebbels erzählt uns was, was wir eh nicht schon wissen?!” Sie sah mich eisig an, “Das ist Propaganda, das nützt uns doch nichts!” Ich konnte dagegen nichts sagen. Seit Mordecai weg war trank sie andauernd,was wir alle bedauerten. Doch Elisabeth war nicht die Einzige, die Angst hatte.

Wir gründeten uns schon vor Jahren als liberale Gruppe, praktisch als Gegenströmung des Kommunismus und als Alternative zum klassischen Konservatismus. Wir waren zwar nur fünf Leute und hatten keinen offiziellen Status, aber wir waren überzeugt von dem was wir taten und wir waren bemüht, das Land nach unseren Vorstellungen zu verändern. Doch die Nazis stellten uns vor einer Zerreißprobe.

Abgesehen von ihrem Hang zu Alkohol war Elisabeth noch am wenigsten mit der Situation überfordert. Willhelm zog sich mehr und mehr in sich zurück und auch ich merkte, dass ich mich verändert hatte. Alexander flüchtete sich in den naiven Optimismus, man könne doch zusammen mit den Nazis was erreichen.

Wir saßen dort eine Weile schweigend und Elisabeth schenkte sich noch einen Drink ein. Willhelm flüsterte kaum hörbar: “Es ist zu früh zum Trinken, Elisabeth.” Sie sagte nichts, sondern nahm einen demonstrativ großen Schluck. Normalerweise gab ich Willhelm Recht, doch heute war kein guter Tag. Vor genau einem Monat wurde Mordecai mitgenommen. Zur Umsiedlung, wie es hieß – doch seitdem hörten wir nichts mehr von ihm. Ich stand auf bediente mich von Elisabeths “Theke” und lehnte mich neben sie ans Klavier. Sie streichelte den Rand des Glases in ihrer Hand und blinkte durch den Raum. “Hast du einen Brief von Mordecai bekommen?,” fragte ich. Sie zuckte mit den Schultern und seufzte traurig. “Was denkst denn du?” Schon wieder machte sie mich sprachlos.

“Vielleicht,” Alexander kam aus seiner Ecke und bewegte sich auf meinen vorherigen Platz am Tisch, “ist er noch unterwegs und kann nichts schreiben.” Er setzte sich und kalibrierte das Radio. “Ja, das wird´s sein,” murmelte er. Willhelm schloss die Augen – eine Eigenart von ihm, die ich zuletzt häufiger bei ihm beobachtete. Elisabeth wurde lauter, wie immer wenn sie getrunken hatte. “Ist das dein Ernst?!”, blaffte sie in Richtung Alexanders, “Diese Schweine haben ihn doch längst umgebracht oder verhungern lassen!” Ich schlug aufs Klavier. In der Nähe lebten Parteimitglieder, und deren Aufmerksamkeit wollte ich vermeiden. “Jetzt seid doch alle still. Wir können nicht mit Sicherheit wissen, was mit Mordecai passiert ist, ob er tot ist oder noch lebt, aber was wir wissen, ist dass er nicht mehr hierhin zurück darf und dass er nicht freiwillig seine Heimat verlassen hat.” Willhelm sah Elisabeth an. “Und was sollen wir nun tun?”, fragte er. Es war eine rhetorische Frage an sie. Die beiden hatten gemeinsame Pläne – sie wollten in den Untergrund gehen, wo sich die Sozialisten und übriggebliebenen Kommunisten betätigten. Für mich war das keine Option – ich hielt an Mordecais und meinem ursprünglichen Plan fest, in die USA zu gehen und von dort aus weiterzumachen – Aber für sie war das Exil wiederum keine Option.

Sie bewegte sich zum Radio, aus dem leise Goebbels Stimme summte. Sie schaltete es aus, legte ihr halbleeres Glas auf den Tisch ab und bewegte sich in die Mitte des Raumes. Alle Augen waren nun auf sie gerichtet. “Ich habe einen Käufer für das Klavier gefunden. Einen Sturmbannführer, der uns einen anständigen Preis bietet.” “Was heißt anständig?”, fragte ich. Sie sah auf den Boden. “Siebzig Reichsmark”, knirschte sie hervor. Ich schüttelte den Kopf. Willhelm verkroch sich in seinen Stuhl und Alexander murmelte “Besser als nichts”, während er wieder das Radio anmachte. Wir wussten alle, dass das Klavier ein Sammlerstück war – es war das fünffache Wert und der Gedanke eines Sturmbannnführers als Käufer war für uns umso furchtbarer. Ich verzog angeekelt das Gesicht. “Nein”, Das Klavier war das Einzige, was uns von Mordecai blieb. “Nicht für diesen Preis”, es war das einzig Wertvolle was wir noch hatten. “Und erst recht nicht an diesen Mann!” Ich ging hinter das Klavier und legte meine Hände darauf. “Diesen Triumph werden wir ihnen nicht geben.” Elisabeth sah mich vorwurfsvoll an. Sie wusste von meinen Exilplänen. “Du willst doch diesem Land und seiner Zukunft den Rücken kehren, was schert dich also, ob wir das Klavier behalten, wenn du eh bald weggehst?” Sie kam auf mich zu, lehnte sich über das Klavier und sah mich an. “Das Klavier gehört uns nicht”, sagte ich. “Es gehört unserem Freund und der hätte das nicht gewollt.” Sie lächelte hämisch. “Woher willst du das wissen?” “Wir können ja seiner Frau schreiben-” “Ach, hör doch auf”, unterbrach sie mich, “die Nazis würden uns doch keinen Brief nach Amerika schicken lassen, ohne ihn zu lesen und dann weiß es die ganze Welt, dass wir das Klavier eines Juden besitzen. Die haben sein Eigentum beschlagnahmt. Offiziell gehört uns das Klavier nicht mal.” Ich sah sie schockiert an. “Dieser Sturmbannführer – erpresst er uns?” Elisabeth sah wieder auf den Boden. “Noch nicht.” Wir schwiegen uns an, allein die Marschmusik aus dem Radio ertönte.

Elisabeth fing an zu flüstern, sodass Alexander das Radio, diesmal freiwillig, leiser machte: “Es ist immer noch genug Geld. Wir können es nehmen und dann in den Untergrund gehen. Wir hätten sofort etwas auf die Hand und könnten uns erstmal darauf konzentrieren, Kontakte aufzubauen.” Ich war fassungslos. “Und mit wem? Den Sozialisten? Die mögen uns nicht und wir sie nicht – das wäre vom Regen in die Traufe.” Ich stellte mich wieder vor das Klavier. “Wenn wir schon verkaufen, dann sollten wir wenigstens das tun, was Mordecai wollte: Lass uns ins Ausland gehen und von da aus was hier verändern.” Alexander nickte zustimmend und machte das Radio aus. “Ich hielt noch nie was von Elisabeths Märtyrertod”, bemerkte er schnippisch. Sie ignorierte diesen Kommentar und ging auf mich zu. In ihrem Blick lag eine Gewieftheit, die ich vorher noch nie in ihr gesehen hatte. “Hitler verjagt sie alle in den Untergrund, auch Sozialdemokraten und Konservative”, sie legte ihre Hand in meinen Nacken, “wir wissen wie es ist mit denen zu arbeiten. Es gibt nunmal sehr wenig Liberale hier.” Wir sahen uns in die Augen. Das war ihre stärkste Waffe, wenn sie getrunken hatte. Ohne Alkohol hätte sie sich das nie getraut.

Doch diesmal war meine Angst zu groß, um darauf hereinzufallen.

“Komm mit uns in den Untergrund,” flüsterte sie. Ich umfasste ihre Hand, die in meinem Nacken lag, und presste meine Lippen zusammen: “Ich kann nicht.” Ich ging weg und setzte mich ans Klavier. Dort lagen einige selbstgeschriebene Notenblätter. Willhelm knüpfte an seinem Hemd und starrte Elisabeth an. “Und was machen wir jetzt?”, fragte sie in die Runde. “Wir könnten ja eine Münze werfen”, scherzte ich. Die anderen schmunzelten leicht, nur Willhelm nicht. “Warum eigentlich nicht?” Jetzt befassten wir anderen uns damit auch ernsthafter. Alexander holte eine Münze hervor. Es war ein Sammlerexemplar, dass an HJ-Mitglieder verschenkt wurde. Sie war eine Mark Wert und auf der Rückseite prangte Hitlers Seitenprofil. Er stellte sich hin und sagte: “Zahl heißt, wir gehen in die USA. Und Kopf heißt”, er schmunzelte, “wir holen uns Hitlers.” Wir nickten alle zustimmend. “Dann werfe!”, stachelte ihn Elisabeth an und er warf die Münze im hohen Bogen, fing sie in der Luft auf und legte sie auf seinen Handrücken. Ich atmete ein, “Kopf”, sagte Elisabeth erleichtert. Ich nickte widerwillig. Sie bemerkte meinen Frust und umarmte mich, “Glaub mir, das wird alles nicht umsonst sein”.

 

Kapitel 2: Der Verkauf

Es war Nachmittag und die Leute saßen zu Hause bei Kaffee und Kuchen.

Alexander stand am Fenster und nahm einen tiefen Zug aus seiner Zigarette. Wir Restlichen hatten mit dem Rauchen aufgehört seit unser Beschluss feststand. Elisabeth hatte schon im Voraus Zigaretten und Tabak aufbewahrt und betrachtete sie als wertvolle Tauschware für die Zukunft. Je mehr wir darüber redeten, desto klarer wurde mir, dass sie diesen Schritt schon lange und ausgiebig geplant hatte. Zwar sprach ich sie nicht drauf an, denn sie war bemüht darum, es sich nicht anmerken zu lassen. Sie war selbstsicherer als ich, hatte sogar aufgehört zu trinken. Doch während wir auf den Sturmbannführer warteten, spürte ich auch ihre Angespanntheit. Bei Willhelm war ich mir nicht sicher, ob er extrem mutig war oder einen unausgesprochenen Todeswunsch hatte.

Der SS-Mann hieß Johann van Nauritz. Er hatte den Ruf eines verschlagenen Pragmatikers, der aus Machtgeilheit in die Partei und schließlich in die SS eintrat,kurz nachdem der Vormarsch der Nationalsozialisten feststand. Seine Überzeugungslosigkeit war zwar auch parteiintern bekannt, doch sein Gehorsam gegenüber seinen Vorgesetzten und seine Unnachgiebigkeit gegenüber seinen Feinden bescherten ihm einen raschen Aufstieg in der ansonsten fanatisch hitlertreuen SS.

Gleichzeitig nutzte er wie kein anderer seine Stellung, um persönlichen Profit zu schlagen.

Die Gefahr, von van Nauritz betrogen zu werden war deshalb durchaus real. Bis zu diesem Punkt blieben unsere politischen Aktivitäten von der Regierung weitgehend unentdeckt, wir waren unter dem Radar, schlichtweg uninteressant für die mächtige NSDAP. Noch zumindest – die Nachbarn wussten von uns und mit jedem Tag stieg für uns die Wahrscheinlichkeit, entdeckt zu werden. Es war höchste Zeit zu handeln und Elisabeth schwörte uns darauf ein, dass wir direkt nach der Abwicklung des Verkaufs mit ihren Kontaktleuten zusammentreten würden. Genaueres behielt sie für sich, um uns zu schützen wie sie betonte.

Ich schlurfte zum Fenster, wo Alexander stand. Er war fertig mit der Zigarette und schielte nachdenklich aus dem Fenster. Er bemerkte nicht, wie ich mich in seine Richtung bewegte. Als ich schließlich neben ihm stand, fuhr er kurz auf, sagte jedoch kein Wort zu mir.

Ich beobachtete, wie die Familie im Stockwerk über uns das Haus verließ. Die Familie bestand aus vierzehn Kindern – sie alle auf einem Haufen zu sehen war für mich ungewöhnlich, da gewöhnlicherweise die Eltern Ausflüge mit höchstens sechs auf einmal machten. Ich zählte aus Langeweile die Kinder, von denen die zwei Ältesten fehlten. Wahrscheinlich kümmerten sie sich um die Urgroßmutter – das Überwältigen der vielen Stockwerke war ihr zuletzt zum Verhängnis geworden, als sie stolperte und sich Schlüsselbein und Hüfte gebrochen hatte. Seitdem verließ sie das Haus nicht, höchstens zur Wahl. Manchmal halfen wir der Familie bei der Pflege. Auch wenn wir sie als “die Alte” bezeichneten, sorgten wir uns um sie: Sie war gutmütig und im Herzen bei unserer Sache, auch wenn sie regelmäßig SPD wählte, weil “die nunmal mehr erreichen können” wie sie uns manchmal vorhielt.

In einer guten halben Stunde sollte der Sturmbannführer eintreffen.

Alexander und ich standen noch einige Zeit am Fenster und auch er bemerkte: “Muss ein wichtiger Ausflug sein”. Nach fünf Minuten sahen wir schließlich die zwei anderen Kinder, zwischen ihnen humpelte die Alte. Wir schauten uns verwirrt an. Die Zwei hatten es eilig, die Alte hing fast mit ihrem ganzen Körper auf den beiden, sodass die Zwei sie etwas ungeniert über die Straße brachten. Kurz nachdem sie die Straße überquert hatten, fuhr ein Wagen vorbei, bestückt mit Hakenkreuzen. Alexander riss die Augen auf und drehte sich um, um nach Elisabeth zu rufen. Ich blieb noch am Fenster und beobachtete den Wagen noch so lange, bis er um die Ecke außerhalb meines Sichtfelds fuhr. Während Alexander stotternd versuchte, Elisabeth alles zu erklären, hielt ein anderer Wagen auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Er war in einem dezenten blau gehalten, das schon fast schwarz war und die Scheiben waren getönt. Es stieg keiner aus.

Elisabeth erschien und ging zum Fenster. “ Der Wagen ist schon um die Ecke weg. Aber schau mal dort drüben,” sagte ich ernst und deutete auf den Wagen. In dem Moment stiegen drei bullige Männer aus. Sie trugen keine Uniformen, sondern Anzüge und lange Mäntel, obwohl es ausgesprochen warm war. Ich vermutete, sie versteckten Waffen darunter. Einer der Männer ging zum gegenüberliegenden Haus und schaute auf die Briefkästen. Ein anderer saß am Lenkrad, während zwei von ihnen vor dem Auto standen und rauchten. Plötzlich rüttelte uns Wilhelm aus unserer Schockstarre. “Die sehen euch doch gleich!”, fauchte er uns an. Elisabeth sah mich mit aufgerissenen Augen an “Das war van Nauritz-” “Wir müssen weg hier”, unterbrach ich sie. Sie nickte und wollte was sagen, doch ihr blieb die Stimme in der Kehle stecken. Für diesen Fall hatten wir schon eine Tasche griffbereit gelegt. Elisabeth nahm sie und ging Richtung Tür. “Warte!”, sagte ich zu ihr. “Die stehen da vorne”, ich flüsterte leicht. “Dann gehen wir zur Hintertür”, entgegnete sie mir schroff, während sie versuchte, um mich herum zu gehen. Ich stellte mich nochmals vor ihr auf, “Lass mich wenigstens schauen ob sie da auch schon stehen. Ich gehe schnell nach oben in die Wohnung der Alten und schau aus deren Dachfenster”,Wir hatten leider kein Fenster zu dieser Seite. Aber da wir die Alte oft genug besucht hatten, kannten wir ihre Geschichten, wie sie nachts die vermeintlichen Verbrecher aus der Gasse von ihrem Fenster aus verjagte.

Elisabeth seufzte und hielt kurz inne, bevor sie sich wieder zu mir wandte, “Na gut. Aber mach schnell.”

 

Ich hechtete die Treppe hoch, nahm jeweils drei Stufen auf einmal. Oben angekommen klopfte ich, bis mir wieder einfiel, dass die Wohnung leer stand. Ich rüttelte an der Tür und bemerkte, dass sie sehr locker in den Angeln lag. Ich stemmte ich dagegen, umfasste die Türklinke, zog sie mit einem gekonnten Ruck nach oben und öffnete die alte Holztür. Ich ging in die Küche und schob die Gardinen am Fenster zur Seite, an deren Enden sich schon Schimmel bildete. Direkt unter mir befand sich der Wagen, der vorhin noch um die Ecke verschwand. Darum standen vier Männer und zwei Frauen in Braunhemden, mit ihren Gewehren lässig über der Schulter. Ich zog behutsam die Gardinen zurück und schlich aus der Wohnung.

Im Treppenhaus hielt ich mich mit beiden Händen am Geländer fest und trat so leicht wie möglich auf. Erst als ich unten angekommen und die Tür geschlossen hatte, traute ich mich wieder, regelmäßig zu atmen:

“Wir sind umzingelt.”

Elisabeths Selbstbewusstheit verlor sie spürbar. Sie schaute mich angstvoll an: “Können wir was tun?” Ich atmete so tief ein, dass sich mein Oberkörper verkrampfte und drehte das Türschloss um, das mit einem Klick einrastete. Alle Augen waren auf mich gerichtet. “Das ist alles”. Elisabeths Augen hechteten durch den Raum, während Willhelm in seinem Stuhl sank und das Gesicht in seine Hände vergrub . Sie verschwand kurz hinter dem Klavier, in die hinterste Ecke des Raumes. Plötzlich kam sie mit einer Axt aus der Ecke hervor, die knapp größer als sie war. In dem Moment hörten wir Stimmen im Hausflur. “Das Klavier kriegen sie aber nicht”, prophezeite sie und hob die Axt über ihren Kopf. Jemand klopfte und rüttelte an der Tür. Elisabeth ließ die Axt auf das Klavier heruntersausen, verlor jedoch das Gleichgewicht und kippte zur Seite. Zur gleichen Zeit hob jemand geschickt die Tür an und öffnete sie.

Van Nauritz trat ein, hinter ihm stand ein hagerer Mann in Wehrmachtsuniform und mit Gewehr über der Schulter, der kaum sichtbar hinter dem plumpen Sturmbannführer im Türrahmen ausharrte. Wir alle waren uns nun im Klaren, dass wir uns geirrt hatten – es gab keinen Überfall, nur einen sehr vorsichtigen und mächtigen Mann, der uns über den Tisch ziehen sollte.

Van Nauritz ging durch den Raum und nickte mir höflich zu, betrachtete nur kurz Willhelm und Alexander, die am Tisch wie angewurzelt saßen, bis er Elisabeth mit einem überraschten Gesichtsausdruck ebenfalls begrüßte “Guten Tag, liebes Fräulein”, er schmunzelte sie überheblich an. Sie reagierte nicht und sagte kurz angebunden: “Das Klavier steht dort. Meine Freunde und ich akzeptieren ihren Preis unter der Vorraussetzung, dass sie es direkt mitnehmen”, “Nun lassen Sie es mich doch nur kurz ansehen”, entgegnete er ihr. Der Sturmbannführer betätigte die Tasten, die einwandfrei funktionierten, und ging einmal gegen den Uhrzeigersinn um das Klavier. Kurz bevor er wieder an der Vorderseite ankam, stoppte er. “Da ist ja eine Schramme drin”, Wahrscheinlich in Elisabeths Zerstörungswut verusacht, dachte ich mir und biss mir auf die Lippen. Vorne angekommen betrachtete er nun Mordecais Notenblätter. “Ich nehme an diese Werke sind im Verkauf inklusive?” “Nein”, erwiderte ich. Das waren Mordecais Schätze – sie zu verkaufen, dazu an einen Nazi, wäre der vielleicht schmerzhafteste Verlust für uns nach seiner Zwangsumsiedlung. Er presste die Lippen zusammen. “Dann muss ich allerdings darauf bestehen, einen neuen Preis zu verhandeln. Ich habe Neuware erwartet und nicht einen solchen – nun ja”, er zuckte unschuldig mit den Schultern, “Ramsch”. “In Ordnung, nehmen Sie sie mit”, warf Elisabeth ein. “Ausgezeichnet, junges Fräulein”, sie schüttelten sich die Hände und van Nauritz übergab ihr das Geld.  Der Wehrmachtsoldat klopfte an die Fensterscheibe und die Männer in den Regenmänteln kamen hoch und trugen das Klavier weg. Van Nauritz packte die Noten selber ein. Innerhalb kürzester Zeit waren sie wieder weg und die Männer weggefahren. Wir hatten nun siebzig Mark mehr, doch vom Klavier blieben nur noch Abdrücke im Boden. Der Raum fühlte sich leer und kraftlos an. Von unserer Ideologie war nur noch blanker Pragmatismus übriggeblieben.

Elisabeth hockte auf dem Fensterbrett, mit einem Bein herausgelehnt . Es war inzwischen dunkel geworden und sie hatte sich ein Glas Scotch bis zum Rand eingeschenkt – es war ihr erstes Glas seit drei Wochen. Ich stand in der Mitte des Raumes.

“War es das Wert?”, fragte ich sie enttäuscht

“Wir waren nicht in der Position um zu verhandeln. Bald ändert sich eh alles”, sie nahm einen großen Schluck und leerte ihr Glas sichtbar um ein gutes Stück, “Also ja, das war es.”

 

Kapitel 3: Neue Freunde

Ich saß im Kaffee Edelweiß auf der Terasse – es lag mitten in der Stadt an der Einkaufsstraße und ich merkte erstmals, wie sich meine Stadt verändert hatte: Jeder hebte die rechte Hand zum deutschen Gruß, überall liefen Polizisten und Parteiler in Uniform und waren auf Patrouille. Viele Gesichter in den Straßen fehlten mir – Mordecai war nicht der einzige, der weg musste – nach und nach verschwanden immer mehr und mehr Freunde von mir, von denen ich leider auch nichts mehr hörte. Ich war alleine, Alexander war auf einer Parteiveranstaltung, wo er nun Mitglied war und für uns Informationen beschaffte. Elisabeth besuchte einen Priester, der schon länger in einer anderen Untergrundzelle tätig war und mit denen wir uns eine Zusammenarbeit vorstellen konnten, während Willhelm wahrscheinlich Zuhause saß und die Soldaten zählte, die bei uns vorbeiliefen – vielleicht klang es paranoid, aber wir hatten das Gefühl, es seien mehr geworden als früher.

Ich wartete auf einen amerikanischen Geheimagenten, den uns der Priester vermittelt hatte – anscheinend half er dabei, Juden außer Landes zu bringen. Ich wurde langsam nervös, bis sich um punkt sechzehn Uhr, wie abgesprochen, ein Mann auf den Stuhl vor mir Platz nahm. Er war blond und hatte echsenhafte, hellblaue Augen – eigentlich sah er sehr arisch aus, keineswegs amerikanisch. Er war jedoch sehr gedrungen und leicht schlaksig. Er hob andeutungsweise den rechten Arm: “Heil Hitler”, sagte er in einem Deutsch, das klarer und deutlicher war als bei vielen Eingeborenen. “Sie sind Mister Jonsen?”, fragte ich den Mann vor mir. “Eigentlich spricht man es Johnson aus, aber ja, der bin ich. Vater Hoeffer sagte Sie könnten mir helfen?” “Das kann ich”, erwiderte ich bestimmt und legte ihm eine Mappe hin. Sie war voll mit Namen von Funktionären, von denen wir annahmen, dass sie in Zukunft eine große Rolle spielten und eine Liste mit Freunden von uns, die verschwanden. Der Erste auf der Liste: Mordecai. Ich erklärte weiter: “Namen von wichtigen Parteifunktionären, deren Rollen, bisherigen Verbrechen und einige Infrastrukturpläne. Dazu einige Leute, die von den Nazis-”, ich musste mich kurz sammeln, “mitgenommen wurden. Es ist nicht viel aber vielleicht haben Sie Verwendung dafür”. “Die habe ich, vielen Dank”. Er legte die Mappe in seine Tasche und beugte sich nach vorne: “Kann ich schon was für Sie tun?” Ich überlegte kurz. “Ja da ist was. Der erste Name auf der Liste der Vermissten ist ein enger Freund von mir und er war lange Teil unserer Gruppe. Mordecai wurde vor längerer Zeit mitgenommen und wir haben seitdem nichts mehr von ihm gehört – genauso wenig von irgendeinem anderen dieser Liste.” Er wirkte sehr betroffen und sah mich mitfühlend an. “Es tut mir sehr leid, aber wenn ihr Freund nicht nur politischer Aktivist, sondern auch noch Jude war, ist die Möglichkeit gering, dass Sie ihn wiedersehen.” Er erzählte mir von Dachau, wo die Nazis Andersdenkende einsperrten und bat mich, die nächsten paar Nächte besonders aufzupassen. Warum sagte er nicht. Er stand auf und klopfte mir auf die Schulter bevor er ging. “Ich werde die Ohren trotzdem für Sie offen halten.”

 

Ich ging die Treppe hoch und bei jeder Stufe stampfte ich mit dem rechten Fuß und zog mich mit meiner linken Hand am Geländer hoch. Ich versuchte mich zu beherrschen doch ich war rasend vor Wut – so rasend, dass ich zum ersten Mal froh war, nicht ins Exil gegangen zu sein.

Die Wohnung hatte sich verändert – auf Anraten Alexanders tarnten wir sie, um nicht aufzufallen. Auf dem Tisch, lag eine Ausgabe von Mein Kampf. Der Tisch war ebenfalls neu – es passten nun vier Stühle anstatt nur zwei daran. Die Küche war gefüllt mit deutschen Nahrungsgütern, das Radio lief ununterbrochen und an der Wand hing ein Porträt von Adolf Hitler – für uns eine kleine Andeutung darauf, dass wir den Führer gehängt sehen wollten.

Ich betrat unsere Wohnung – Elisabeth und Alexander waren noch unterwegs, Willhelm allerdings stand am Fenster und führte feinsäuberlich eine Strichliste. Ich schreitete zum Führerporträt und riss es mit einem einzigen Ruck von der Wand. Willhelm schaute mich erschreckt an, sagte jedoch kein Wort. Ich erzählte Willhelm von den Tötungen, von denen mir der Amerikaner berichtete und davon, was die Nazis Mordecai wahrscheinlich antaten. Bei all dem schwieg er, nur als ich fertig mit Reden war sagte er leise: “Ich meinte doch, wir müssen Hitler töten – es ist der einzige Weg.” Er sagte es so nüchtern und sachlich, dass man meinen könnte, er zähle die europäischen Hauptstädte auf. Auf einmal jedoch legte Willhelm, einer der diszipliniertesten Männer die ich kannte, seinen Stift und sein Papier auf das Fensterbrett, ging in sein Zimmer und verschloss die Tür. Ich nahm sein Schreibzeug, nahm seinen vorherigen Platz ein und schaute auf die Straße, um mich ein Wenig abzulenken.

Gegen Abend trafen dann jeweils die anderen ein, sodass wir gemeinsam beim Essen saßen. Willhelm hatte sich wieder beruhigt und für uns alle gekocht. Er und ich saßen noch in unseren Klamotten am Tisch, die wir den Tag lang an hatten, eben so wie Alexander, der es nicht für nötig ansah, seine Parteiuniform abzulegen. Nur Elisabeth hatte sich einen Schlafanzug angezogen. es gab durchaus erfreuliche Nachrichten – von Alexander bekamen wir die Info, dass wir der Regierung ziemlich egal waren und unsere Verfolgungsängste demnach unbegründet waren, während Elisabeth uns berichtete, dass der Geistlich ein hohen Vertrauen in uns legte und uns deshalb unterstützen will. Es herrschte eine gelöste Stimmung, die ich nur ungern brach – doch ich musste ihnen schildern, was der Agent mir erzählte. Ich berichtete abermals von den Konzentrationlagern (was auch uns bevorstand wenn man uns entdeckte) und von seiner Warnung, dass die nächsten Nächte was passieren könnte. Dass Johnson wenig Hoffnung bei Mordecai hatte, erwähnte ich zum Schluss. Uns allen war nun der Hunger vergangen. Elisabeth füllte ihr Weinglas, das bisher leer blieb, bis zum Rand. Es dauerte kurz, bis wir uns wieder gefasst hatten. Doch dann herrschte eine ernste Stimmung – plötzlich erkannten alle, dass wir etwas zutiefst Illegales machten. Elisabeth erfgriff zuerst das Wort: “Von nun an bleibt einer von uns die Nacht wach. Ich fange heute an.” Sie nahm sich die Weinflasche und ihr Glas und setzte sich ans Fenster, während wir den Tisch abräumten und dann zu Bett gingen.

 

Kapitel 4: Ultimatum

Abermals saß ich auf der Terasse des Kaffees Edelweiß – diesmal mit Elisabeth, die sich selbst ein Bild von dem Agenten machen wollte. Sie war verdammt sauer auf Herrn Johnson, da sie seine Vorsichtsmaßnahmen nicht im Geringsten nachvollziehen konnte. So traf er sich bisher nur mit mir, was Elisabeths Stolz zuwider kam. Ihre Eitelkeit machte es ihr schwer, einen Tipp anzunehmen.

Doch ich konnte sie nachvollziehen – Johnson versuchte uns zu zügeln und hielt uns mit unseren Projekten zurück – den Kontakt mit dem Geistlichen setzten wir aus sein Anraten hin kurzweilig aus.

Kaum fingen wir an im Untergrund zu agieren, da mussten wir schon die Füße stillhalten und waren wieder machtlos.  

Elisabeth hatte ihren typischen, steinernen Gesichtsausdruck auf, den sie stets dann hatte, wenn sie sich auf eine hitzige Diskussion vorbereitete. Sie fühlte sich von dem Amerikaner hintergangen und wollte ihm gehörig ihre Meinung sagen. Von der anderen Straßenseite wehte der Duft feiner Bratwürstchen herüber – einige Anwohner hatten spontan den Grill angeschmissen. Ich überlegte kurz, ob ich mir von dort etwas zu Essen holen sollte, doch dann kam auch schon Herr Johnson an unseren Tisch. Er ignorierte mich und wandte sich direkt Elisabeth zu, “Sie müssen Elisabeth sein. Nennen Sie mich Johnson”, er lächelte sie vertrauenswürdig an. Zu meiner Verwunderung lächelte sie zurück. “Es freut mich”, entgegnete sie, übersprang jedoch weitere Schmeicheleien, “Weshalb halten Sie uns so zurück? Ich bin einen Monat im Widerstand und ich habe nicht das geringste Gefühl, irgendwas bewirkt-”, “Mit Verlaub”, Johnson unterbrach sie harsch in bestimmten Ton und verblüffenderweise hielt sie inne, anstatt einfach etwas lauter weiter zu reden, was sie sonst tat.

“Sie haben nicht die Informationen, die ich besitze, Sie sind bei weitem nicht so lange tätig wie ich und Ihre Pläne sind mehr als nur unausgereift. Wenn Sie also gestatten, würde ich Sie beide gerne über die jüngsten Entwicklungen in Ihrem Land in Kenntnis setzen. Dann wird Ihnen vielleicht auch mein Vorgehen ersichtlicher. Ist das Ihnen genehm?” Elisabeth sah ihn kühl an und schwieg. Ich antwortete für sie “Dann setzen Sie uns bitte in Kenntnis.” Er beugte sich nach vorne und senkte seine Stimme soweit, dass auch wir näher kommen mussten – erstmals hörte ich seinen Akzent deutlich: “Ich weiß von höchster Stelle, dass Ihre Regierung ein Progrom plant, vorrangig gegen Juden, aber nicht ausschließlich. Auch wenn es Ihnen, Elisabeth nicht so scheint, sie sind aktive Widerstandkämpferin und die Nationalsozialisten sind sich dem bewusst. Bisher lassen Sie sie in Ruhe, aber wenn Sie nun meinen, weitere Aufmerksamkeit erregen zu müssen, garantiere ich Ihnen, dass Sie und Ihre Freunde in den nächsten Nächten gemeuchelt werden.” Er pausierte und Elisabeth nutzte die Gelegenheit um nachzufragen – “Und was sagt Ihre Regierung dazu?” Johnson wirkte verunsichert und sprach noch leiser als er es schon ohnehin tat. “Um ehrlich zu sein, mir glaubt man nicht. Ihre Regierung behauptet viel und meine Regierung ist der Meinung, dass diese Gerüchte nur Angst machen sollen. Ich bin nicht der einzige, der diese Informationen hat, aber ich bin einer der wenigen Leute, die sie ernstnehmen.” Johnson schaute uns entschuldigend an. Es war schwer jemanden zu glauben, der zugab, dass schon kaum ein anderer ihm glaubte. Ich rechnete damit, dass Elisabeth ihm die Kaffeetasse um die Ohren schmeißen würde. Doch zu meiner Verwunderung schien sie ihm glauben zu wollen. “Was sollen wir tun?”, fragte sie neugierig. “Ich weiß, ich verlange viel von Ihnen”, er pausierte kurz, als würde er ein zustimmendes Zeichen von uns erwarten, “aber ich bitte sie inständig, die Stadt für die nächsten zwei Wochen zu verlassen. Ich kann Ihnen leider nichts vermitteln – mir wurde es verboten, dass ich mich aktiv am Widerstand beteilige. Ich soll eigentlich nur Informationen sammeln. Dass ich Ihnen solche Informationen gebe, geht eigentlich schon weit über meine Befugnisse hinaus.”

 

Den Rückweg über diskutierte ich mit Elisabeth – wir beide hatten große Angst, der Agent hat uns das alles sehr deutlich gezeichnet. Wir wussten, dass es gefährlich sein würde, doch auf einmal fanden wir uns in einer Situation wieder, wo wir nicht mehr Herr der Dinge waren und unser Schicksal, ja unser Leben, von einer einzigen Entscheidung bestimmt werden konnte – Flucht oder Bleiben?

Keiner von uns konnte mit Sicherheit sagen, was wir tun wollten.

In der Wohnung überraschte uns Pfarrer Hoeffer in ziviler Kleidung. Seine Kreuzkette, die er unter seinem Hemd verbarg, war das einzige an ihm, was auf einen gläubigen Mann hindeutete. Er sprach in einem tiefen Bariton, der zu seiner stämmigen Erscheinung passte: “Guten Abend, Elisabeth. Deine zwei Freunde hier haben mir schon berichtet, wo du warst – hat Herr Johnson dir auch zur Flucht geraten?” “Das hat er, ja”, antwortete sie und erzählte den Anwesenden knapp, was passiert war und wie unschlüssig wir beide uns waren. Willhelm war dagegen gewillt, zu bleiben – ihm war es wahrscheinlich schlichtweg zu mühsam zu flüchten. Ebenso wollte Alexander hierbleiben, jedoch aus anderen Gründen: Er glaubte den Gerüchten kein bisschen, in der Partei hörte er über solche bevorstehenden Aktionen kein Wort.

Pfarrer Hoeffer jedoch widersprach den beiden entschieden: “Die Gerüchte sind wahr – die Nazis werden uns bald mit neuer Härte jagen”, er schaute uns ernst an. Elisabeth schüttete sich eine der verbliebenen Whiskyflaschen ein, verdünnte ihr Glas aber ausnahmsweise – mehr aus Sparsamkeit als aus gesundheitlicher Sorgsamkeit. Wir bildeten einen Halbkreis um den Geistlichen, “Ich kann euch alle für die nächsten Wochen, wenn nötig Monate, in einem entfernten Kloster unterbringen. Zusammen mit einigen jüdischen Freunden von mir. Dort wärt ihr sicher – ich allerdings werde bei meiner Kirche bleiben.” Wir waren an einem Punkt gekommen, wo ich mir nun auch ein Glas einschenken musste. Egal wie wir wählten, die Kontrolle hatten nicht mehr wir, sondern entweder die Nazis, die wir zu bekämpfen versuchten, oder ein Pfaffe, dessen Nächstenliebe ich nicht über den Weg traute.

Es war ein Glücksspiel, und als solches war ich bereit, es zu behandeln. Ich trat in die Mitte unserer Gruppe und kramte in meinen Hosentaschen. “Egal wie wir uns entscheiden, wir sind unserem Schicksal ausgeliefert.” Ich blickte in die Runde. Elisabeth hatte ihr Glas weg gestellt und verschränkte die Arme. Der Priester hielt einen Rosenkranz in seinen Händen, während Willhelm den Boden fixierte und Alexander mich ansah, als würde er ahnen, was ich vor hatte. Ich fuhr ohne weitere Erklärungen mit einer Münze in der Hand fort: “Zahl, und wir bleiben hier. Kopf, und wir retten unseren.”

Ich schnipste die Münze hoch, die zwei Umdrehungen machte und dann in meine linke Hand flog. Ich legte die Münze auf meinen rechten Handrücken. Kopf.

 

Mordecai klimperte eine seiner eigenen, schnellen Melodien, während Elisabeth und seine bester Freund gemeinsam tanzten. Willhelm und Alexander waren mal wieder in einer Bar gemeinsam trinken – wahrscheinlich wollten beide wieder jemanden abschleppen.

Seine eigenen Kompositionen kannte er allesamt auswendig, doch er konnte noch viel besser improvisieren. Mordecai blickte nach draußen – es dämmerte schon. Er erhöhte noch mal seinen Takt aufs Mindeste, bis er sein Stück beendete. Er stand auf und schnappte seine Jacke. “Ich muss nach Hause, meine Familie wartet schon.” Es war Sabbat und Mordecai wollte zum Essen zu Hause sein – seiner Mutter war das zwar nicht so wichtig, jedoch für ihn. Die beiden schauten ihn mit glasigen Augen an und murmelten leicht lallend “Komm gut Heim.” Sie hatten sich mal wieder gegenseitig hoffnungslos abgefüllt. Er schlich durchs Treppenhaus, da die Nachbarn Kinder hatten, die schon längst schliefen. Wahrscheinlich führten die beiden nun wieder ihre geheimnisvollen Gespräche und er war sich sicher, dass sein bester Freund mal wieder dort bei Elisabeth übernachten wird. Mordecai wusste nicht, ob sie wirklich nur redeten. Jedesmal wenn er versuchte, einen der beiden zu fragen, war die Antwort immer nur, man habe sich noch etwas unterhalten. Wenn er dann nach dem Inhalt der Unterhaltung fragte, kanzelte man ihn stets mit der gleichen Begründung ab: “Lange Geschichte.”

Es regnete und stürmte so stark, dass Mordecai schon beim Betreten der breiten Hauptstraße vollkommen durchnässt war. Sein Hut flog mit einem Mal von seinem Kopf und wurde vom Wind hoffnungslos weit weggetragen. Er krempelte seinen Kragen etwas hoch und ging in entgegengesetzte Richtung des Hutes. Der Regen ließ ihn kaum die Straße sehen, sodass er seine Augen zusammenkniff und strammen Schrittes den neu gepflasterten Gehweg entlangschritt. Kurz vor einer Kreuzung blitzten auf einmal Schatten vor seinem Weg auf – eine Gruppe männlicher, großer Umrisse, die gemächlich in seine Richtung schritt. Er wechselte aus Sicherheit die Straßenseite – sein dunkles, lockiges Haar brandmarkte ihn als Nicht-Arier. Normalerweise scheute er die Konfrontation mit Mitgliedern anderer Parteien nicht, doch nun war er alleine und der Starkregen sorgte für eine unheimliche, schutzlose Finsternis. Er war auf gleicher Höhe mit der Gruppe, als diese von der anderen Seite plötzlich undeutliche Laute von sich gaben. Mordecai konnte zwar keine einzelnen Wörter heraushören, doch die Burschen wirkten auf ihn nicht so, als wollen sie ihn nur nach dem Weg fragen. Innerhalb weniger Millisekunden entschied er sich, loszurennen – mit einem anständigen Abstand hinter ihm seine Verfolger. Er überquerte die Kreuzung und als er im Sprint scharf links abbog, spürte er kurz, wie ihn eine Hand nur knapp seine Schulter verfehlte. Ein Glück kannte er den Weg nahezu perfekt, ansonsten hätten der Niederschlag und die Dunkelheit ihn in folgenreiche Schwierigkeiten gebracht. Er bog an der Hälfte der Straße nochmal ab, diesmal nach rechts in eine schlammige Nebenstraße, doch als er diese verlassen hatte, hörte er immer noch einige Stiefel matschig auftreten. Weniger als zuvor, aber immer noch zu viele. Er war in der beschaulich gepflasterten Straße, an dessen Ende sein Haus stand. Er holte schonmal seinen Schlüsselbund aus der Jackentasche, als er die Straße in einem letzten Spurt hinunterlief. Der Regen peitschte in seinem Gesicht, doch das Adrenalin, das Mordecai verspürte, ließ ihn das nicht sonderlich spüren. Als er endlich an seiner Haustür ankam, zitterten seine Hände, sodass er Schwierigkeiten hatte, den Schlüssel in das Schlüsselloch zu stecken. Er hörte immer noch einige, nun schleppende Schritte in der Entfernung. Nun spürte er, wie sein Gesicht brannte. Nach einigen Versuchen traf er dann das Schlüsselloch und drehte den Schlüssel mit einem Ruck um, sodass er fast im Schloss zerbrach. Drinnen schloss er dreimal ab. Er roch nach Schweiß und seine vormals blankpolierten Schuhe waren mit Dreck überzogen – er wechselte sie schnell gegen ein Paar Hausschuhe, die eigentlich seinem Vater gehörten.

Im Haus brannte das Licht, doch im Wohnzimmer saß keiner. Aus der Küche vernahm Mordecai einige Geräusche – anscheinend hatten sie ohne ihn essen angefangen. Er hing seine Jacke auf und monierte kurz über seinen Lieblingshut, bevor er sich auf den Weg in die Küche machte. Dort saß seine Mutter am Tisch, rechts und links neben ihr standen zwei Männer in triefend nassen, schwarzen Kutten. Der Vater stand hinter ihnen und hielt sich den Kopf. Mordecai konnte nicht sehen, ob sein Vater verletzt war.

Die zwei Männer kamen auf Mordecai zu. Er ging einen Schritt zurück und einer der beiden packte seinen Arm, drehte ihn nach hinten und eskortierte ihn Richtung Tür. Die Kraft des Mannes war gewaltig – es gab für Mordecai, der sicherlich kein Schwächling war, keine Möglichkeit der Befreiung. Von hinten konnte er nur seine Mutter schluchzen hören: “Nicht mein Bübele!”, doch der zweite schirmte Mordecai komplett von ihnen ab. Man ging mit ihm zu einem Auto.“Jetzt hast du’s geschafft”, murmelte einer von den Männern zu ihm und verpasste ihm einen Kinnhaken, bevor man ihn auf die Rückbank des Autos schmiss. Die beiden Männer setzten sich nach vorne. Mordecai tastete seine Unterlippe ab. Er blutete leicht.

 

Kapitel 5: Flucht

Wir alle hockten in der Wohnung, auf unseren Schultern das Nötigste in Säcken gehievt und in leichte Jacken gepackt – bereit zum Aufbruch. Willhelm stand am Fenster und beobachtete die Straße. In der Nacht fuhr stets ein Auto an unserer Wohnung vorbei und wir mussten warten, bis es vorbeifuhr, damit wir unentdeckt im Schutze der Dunkelheit zum Bahnhof fliehen konnten. Um Punkt 2 Uhr setzte sich Willhelm in Bewegung und deutete uns hektisch an, es ihm gleich zu tun. Wie geübt schaute ich auf meine Uhr – in einer Stunde mussten wir am Bahnhof sein, jedoch sollte der Wagen in einer halben Stunde nochmals an uns vorbeifahren.

Wir schlichen den Treppenflur hinunter. Willhelm ging voraus, er hatte den besten Orientierungssinn, dann ich, dann Alexander und am Ende unserer Reihe war Elisabeth. Wir marschierten schnellen Schrittes die Straße hinunter, stets an der Häuserwand um nicht aufzufallen. Nach fünfundzwanzig Minuten tippte ich Willhelm an und zeigte auf die Uhr an meinem Handgelenk. Er nickte und erhöhte abermals sein ohnehin strammes Tempo. Nach zwei Minuten bog er in eine kleine Sackgasse ein und führte uns an dessen Ende. Wir drückten uns gegen die Wand. Es dauerte ein paar Minuten bis wir den Scheinwerfer vom Auto an uns vorbeifahren sahen. Wir warteten zur Sicherheit noch eine Minute, dann führte Willhelm uns durch einige kleine, unscheinbare Seitenwege zum Bahnhof. Abgesehen von uns stand dort niemand. Wir standen am ersten von acht Gleisen. Am ganzen Bahnhof herrschte eine bedrückende Stille. Zu unserer Verwunderung gab es hier niemanden außer uns – niemand, der uns abholen könnte und auch auf den Gleisen stand nirgendwo ein Zug. Willhelm und ich bekamen Panik. Wir hatten Angst, in einen Hinterhalt geraten zu sein und wollten schnellstmöglich von hier weg. Doch Elisabeth machte keine Anstalten zu gehen, sondern blickte weiter über den Bahnhof auf der Suche nach etwas. Auf einmal hörten wir jemanden Pfeifen. Am achten Bahngleis sahen wir plötzlich einen Güterzug stehen, der vorher dort noch nicht stand. Ohne nachzudenken, woher dieser so geräuschlos und schlagartig herkam, eilten wir über den Bahnhof.

Ein älterer, kleiner Schaffner mit angestrengten Gesicht empfing uns: “Warum sind Sie so spät?”, wir entgegneten nichts – eigentlich waren wir sogar etwas zu früh. “Ist ja auch egal. Ihr könnt es euch da gemütlich machen”, er zeigte auf einen Güterwagon. Der rote Lack war schon an einigen Stellen abgeblättert und innendrin roch es staubig und leicht eisern. Das einzige Anzeichen, dass man den Wagon zum Transport von Waren nutzte, waren einige rote und lila Flecken auf dem kahlen Boden. Wir stiegen zögerlich ein. “Und woher bekommen wir ein wenig Licht?”, fragte Elisabeth bestimmend, als sei es ihr gutes Recht. “Habt ihr Anfänger denn keine Öllampe mitgebracht?”, der Schaffner rümpfte die Nase und kramte eine kleine Lampe heraus. “Wir fahren gut drei Stunden. Die hier reicht vielleicht für die Hälfte.” Er übergab Elisabeth die Lampe, die sie zerknirscht annahm. Sie hasste es im Dunkeln zu sitzen.

Der Mann  machte die Türe zu und krächzte noch: “Wenn Sie den Zug viermal Tröten hören, machen Sie sich bereit – dann komm ich und lass Sie raus”. Er schob die schwere Wagontür zu und schloss sie ab. Nur ein einziger Lichtspalt drang durch die marode Tür. Elisabeth entfachte die kleine Öllampe, die jedoch nur ein kleines, schimmerndes Licht abgab. Es reichte gerade so aus, um die Gesichter vor einem zu erkennen. Ich sah, dass Elisabeth einen versteinerten Gesichtsausruck machte – ihr war all das nicht geheuer. Wir setzten uns in einen Kreis. Über eine Stunde hockten wir dort und schwiegen uns an.

Ich beschloss dann, zur Beruhigung der Lage beizusteuern. Anders als sie empfand ich nämlich durch die Dunkelheit eine innere Ruhe und eine gewisse Geborgenheit. Ich erzählte, wie ich als kleines Kind eine Zeit lang im Kloster verbrachte. Es war eine sehr lehrreiche und schöne Zeit für mich und ich war insgeheim ein wenig erfreut darüber, wieder etwas Zeit in einem Kloster zu verbringen. Leider ging jedoch mein Plan nicht auf, die Stimmung zu beruhigen, denn kurz nachdem ich das Wort ergriff, bebte es im Zug. Alexander, der im Schneidersitz saß, kippte nach hinten über und auch ich musste mich abfangen. Die Lampe kullerte in die hinterste Ecke des Wagons, wo sie schließlich ausging. Es war wieder dunkel. Neben mir sah ich wie ein Schatten, vermutlich Elisabeth, sich aufrichtete. Ich versuchte es ihr gleich zu tun, doch meine Beine zitterten zu sehr. Nach acht Minuten hielt der Zug endlich. Willhelm justierte wieder das Licht in die Mitte des Raumes. Wir saßen uns wieder auf unsere ursprünglichen Plätze und versuchten, totenstill zu sein. Selbst das Atmen begrenzten wir auf ein Minimum. Elisabeth und ich lauschten nach draußen. Dort herrschte den Geräuschen nach zu urteilen Hochbetrieb. Menschen rollten mit schweren Geräten an uns vorbei, Maschinen ratterten laut vor sich hin, schwarzer Staub drang durch den kleinen Spalt in unseren Wagon, Männer schrien sich irgendetwas zu. Doch keiner von ihnen sprach Deutsch – die einzigen Stimmen, die wir hörten, waren Französisch.

Als der Pfarrer von einem “entfernten” Kloster sprach, schien er wohl nicht zu übertreiben.

Irgendwann vibrierte der Boden unter uns – der Zug fuhr weiter. Wir atmeten auf und mussten losgelöst lachen. Nach einer weiteren Stunde hielt der Zug nochmal an. Unser Licht war seit einer halben Stunde aus und einige von uns hatten zwischenzeitlich ein wenig Schlaf nachgeholt. Doch spätestens, als das Zughorn viermal ertönte. waren wir alle auf den Beinen und tappten im Dunkeln nach unseren Sachen. Plötzlich riss jemand, ohne dass ich Schritte oder sonst etwas gemerkt hatte, die Wagontür auf. Der Wagon wurde vom Licht durchflutet und Elisabeth und ich stiegen sofort aus. Es war noch früh morgens, die Sonne war gerade erst aufgegangen, sodass das hellgrüne Feld, auf dem wir nun standen, noch vom Morgentau benetzt war. In der Ferne waren noch feine Nebelstreifen zu sehen, jedoch weit und breit keine Häuser. Der Schaffner stand vor uns und deutete in Fahrtrichtung des Zuges:

“Ihr müsst geradeaus. Ihr könnt noch etwas den Schienen folgen, aber geht etwas in das Feld rein, auf dass man euch nicht sofort sieht.. Irgendwann biegen die Schienen nach links, aber ihr geht immer weiter geradeaus. Ihr müsst ungefähr”, er neigte den Kopf zur Seite und rolllte die Augen nach oben, “eine gute Stunde laufen.” Ohne weiteres drehte er sich um und ging weg. “Warten Sie!”, rief ich und er drehte sich nochmal genervt um, “Wo sind wir hier?” Er zuckte mit den Achseln und drehte sich wieder um: “Seh’ ich aus wie ein Atlas, Junge?”

 

Wir marschierten auf der Wiese, weg von den Schienen, wie man uns aufgefordert hatte. Ich hielt die ganzen Sicherheitsmaßnahmen für überzogen, doch sie waren einige der wenigen Bedingungen, die uns der Pfarrer stellte. Daneben bat er uns, auf seine jüdischen Freunde aufzupassen, die sich schon im Kloster befanden. Wir waren Hoeffer sehr dankbar für das, was er für uns auf sich nahm – deshalb waren wir bereit, ihm diesen Wunsch zu erfüllen. Nach einer Stunde Fußweg sahen wir das erste Mal das Kloster in der Ferne – das erste und einzige Zeichen von anderen Menschen auf unserem langen Weg. Der Tag brach allmählich an und der Morgennebel schwand langsam mit jedem weiteren Schritt, den wir auf das Kloster machten.  

Es dauerte noch eine halbe Stunde, bis wir am Kloster waren. Dort stand eine Nonne am Eingang – anscheinend hatte man uns schon gesehen. Die Nonne kam uns entgegen und begrüßte uns mit einem Handschlag: “Herzlich Willkommen. Mein Name ist Sigvarda – ich bin die Klostervorsteherin”, sagte sie in einem reservierten und ernsten Ton. Sie trug eine klassische Nonnentracht und sah sehr nordisch aus – sie war sehr groß und schlank und schien ungefähr sechzig Jahre alt zu sein. In ihrem Gesicht waren einige unverkennbar tiefe Falten zu sehen. Aus ihrem Schleier schauten einige bleich-blonde Haare hervor. Ich vertraute ihr auf Anhieb, sodass ich mich seit langem endlich wieder sicher in der Nähe eines Fremden fühlte. Sie strahlte eine ehrliche und solide Stärke aus. Elisabeth übernahm das Wort und stellte uns vor, dann führte uns Schwester Sigvarda herum.

Durch das Tor schritten wir durch den von hellgrünen Pflanzen geschmückten Kreuzweg. der von vergleichsweise wenig Statuen geschmückt war. Diese waren dazu von tiefgrünen Ranken bedeckt, die sich jedoch in gewisser Weise künstlerisch ums sie schlungen. Am Ende des Innenhofes führte eine kleine Tür zu der Kapelle, die nüchtern gestaltet war – Über dem Altar hing nur ein einfaches Holzkreuz, an den Wänden waren ein Gemälde, sowie eine mannshohe Statue der heiligen Königin Ester. Die Schwester erzählte uns, dass das Kloster ihr gewidmet wurde.

Sie ließ uns einige Zeit zum Beten, bis wir uns dann im Speisesaal trafen. Da sowohl Bewohner als auch Gäste dazu angehalten wurden, das gemeinsame Mahl nicht für Gespräche zu nutzen, hörte man nur das Klimpern und Klirren von Besteck, Gläsern und ab und zu ein hölzernes Stühlerücken. Inmitten der Nonnen stach eine kleine Tischreihe in der hintersten Ecke des Raumes hervor – anders als die langen Tische, wo der Rest saß, speisten dort fünf Männer abgetrennt von dem Rest der Gemeinschaft. Dort war noch die Hälfte der Plätze frei und ich verstand, dass diese Ecke für die Geflüchteten reserviert war. Wir nahmen die restlichen Plätze ein. Vor mir saß ein junger, abgemagerter Mann, der hungrig die Reste auf seinem Teller zusammenkratzte. Wir sahen uns an und ich nickte ihm freundlich zu. Er deutete wortlos auf mein Brot. Ich brach die Hälfte ab und gab sie ihm, dann sah ich ihm kurz in seine hungrigen Augen und reichte ihm noch die zweite. Er lächelte über beide Ohren und deutete eine Verbeugung im Sitzen an, dann schlang er das Brot herunter.

Nachdem wir gegessen hatten und den Saal verließen, kam uns die Klostervorsteherin entgegen. Sie wollte uns zu unseren Räumen führen.

Wir gingen durch einen weiträumigen Korridor zu den Schlafquartieren. Am Ende des Ganges schloss sie einen Raum auf und drückte Willhelm und Alexander je einen Schlüssel in die Hand. Dann schaute sie Elisabeth und mich an: “Es tut mir Leid, aber sie werden alle getrennt schlafen müssen. ”Wir gingen ein Stückchen weiter und sie schloss einen weiteren Raum auf. Diesmal bekam nur Elisabeth einen Schlüssel, die sich sofort erschöpft dort schlafen lag. Ein Zimmer weiter blieb sie nochmals stehen: “Sie wohnen mit einigen anderen Freunden von Priester Hoeffer,” ihre Stimme wurde strenger, “Selbstverständlich genießen Sie hier einen Schutzstatus, den Ihnen auch niemand hier nehmen will, aber Herr Hoeffer machte mir klar, dass diese Männer in weitaus größerer Gefahr schweben als Sie und Ihre Gruppe. Ich wurde eigentlich angewiesen, Elisabeth in dieses Zimmer zu legen, aber im Kloster der heiligen Königin Ester legen wir Männer- und Frauenzimmer nicht zusammen. Deshalb werden nun Sie wohl auf die Männer acht geben müssen.” Schwester Sigvarda drückte nun auch mir einen Schlüssel in die Hand und ging ihrer Wege. Ich betrat das Zimmer. Dort standen drei Hochbetten, das einzige, das nicht belegt war, war das untere Bett direkt an der Tür. Außer mir war niemand da, wahrscheinlich aßen meine neuen Mitbewohner noch. In der Mitte des Raumes stand ein kleiner, kreisrunder Tisch mit einigen Spielkarten darauf. Dahinter war ein großes Fenster. Ich lag meine Tasche auf das Bett und kramte nach den Zigaretten und einem Feuerzeug. Ich stellte mich ans Fenster und zündete sie an. Ich blickte auf ein großes, eingezäuntes Feld, an dessen Horizont ein Zug vorbeifuhr. Direkt hinter dem Zaun grasten einige Schafe.

Nicht nur, dass Rauchen und Alkohol im Kloster unerwünscht waren, Zigaretten waren dazu noch ein teures Gut geworden – und schlussendlich rauchte ich auch eigentlich nicht. Aber nachdem ich so weit von meinem Heim fliehen musste und nach all den vielen Malen die ich in letzter Zeit um mein Leben fürchtete – nach all dem schien es mir das Einzige zu sein, was ich heute noch tun konnte.

 

Kommentar absenden

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*