Mordecais Klavier Kapitel 6: Respekt

Kapitel 6: Respekt

Ich fiel. Es war dunkel, doch ich spürte, dass mich Gestein umgab. Kalte Steine, an denen Moos wuchs. Ich fühlte, wie klares Wasser an ihnen entlang rannte und zählte die Sekunden, die ich mich jetzt schon im freien Fall befand.

Eine Sekunde. Zwei Sekunden. Drei Sekunden.

Etwas umfasste meinen rechten Arm. Ich roch die staubigen Steine und schmeckte das nasse Moos. Auch das kalte Wasser fühlte ich in meinen Händen. Doch ich sah nicht, was mich da so unnachgiebig Richtung Boden drückte.
Ich riss meine Augen auf. Vor meinem Bett stand der junge Mann, mit dem ich gestern im Speisesaal mein Brot teilte. Er fuchtelte aufgeregt mit den Händen und sagte etwas auf polnisch. Ich versuchte aufmerksam zuzuhören, doch ich verstand kein Wort. Ich schüttelte verwirrt den Kopf, sodass er anfing, langsamer zu sprechen. Jetzt verstand ich wenigstens ein Wort: “Sigvarda, Sigvarda!”, sagte er und deutete auf die Tür.

Ich raffte mich aus meinem Bett und zog mir ein Hemd über. Vor der Tür stand die Schwester. Sie sah mich grimmig an: “Wir haben einen Problem.”

Eiligen Schrittes folgte ich ihr über den menschenleeren Innenhof des Klosters. Ich fragte nicht einmal was passiert war – sie hätte mir eh nicht geantwortet. Sie führte mich zu einem versteckten Gittertür, die schon leicht von Pflanzen überwachsen war. Sigvarda suchte einen kleinen Schlüssel an ihrem dicken Schlüsselbund heraus. Sie öffnete das Schloss und rüttelte an der Tür, doch sie öffnete sich nicht. Sie trat gefasst zur Seite: “Die Tür klemmt mal wieder. Würden Sie?”, Ich trat vor und zog einmal kräftig, sodass die Tür quietschend aufging. Dahinter lag eine Wendeltreppe. Sigvarda nickte mir dankend zu und ging vor. “Rutschen Sie nicht auf dem Moos auf der Treppe aus”, warnte sie mich, “es ist ziemlich rutschig hier.”

Unten angekommen erkannte ich, dass es sich um einen unterirdischen Gefängniskorridor handelte. “Ziemlich ungewöhnlich für einen Ort der friedvollen Anbetung”, schnippte ich, doch Sigvarda ließ sich nicht von mir provozieren: “Es gab Zeiten, in denen sie ausgiebig genutzt wurden”, bemerkte sie, als sei dies eine Begründung. Ein drohender Unterton schwang in ihrer Stimme mit.

Wir betraten eine Zelle, in der zu meiner Verwunderung Elisabeth war. Sie stand bedrohend vor einem Mann, der gefesselt in einem Stuhl saß. Das Gesicht von ihm kam mir bekannt vor und er trug auffällig feine, zerrissene Kleidung. Ich erkannte, dass er kleinere Schürfwunden am ganzen Körper hatte. Ich sah mich mit weit aufgerissenen Augen im Raum um: In der Mitte saß der Mann auf einem hölzernen Stuhl. Vor ihm stand ein weiterer Stuhl. Rechts von mir lag an der Wand ein kleiner umgekippter Tisch. Etwas weiter vor mir stand Elisabeth, die Hände zu Fäusten geballt. “Dieser Mann ist in unser Kloster eingebrochen”, unterbrach die Schwester mich. Ich verstand nicht richtig, “Und was soll diese Tortur? Bringt ihn doch einfach zur Polizei-”, Elisabeth unterbrach mich: “Ich kann dir sagen, was das soll!”, sie hebte den Jackenkragen des Gefangenen. Ein kleines SS-Symbol fiel mir ins Auge: “Ich verstehe”, flüsterte ich nachdenklich. “Als wir ihn im Innenhof gefunden haben, hat er außerdem nach den Juden gefragt,” warf Sigvarda ein, “und eine geladene Waffe haben wir bei ihm gefunden.” “Woher weiß er das alles?”, stammelte ich. “Deshalb sind Sie beide hier – finden Sie es heraus.” Sie verließ den Raum so schnell, wie sie uns ihre Anweisung gegeben hat.

Unser Gefangener zog die Nase hoch. “Die Schlampe hat mir fast die Nase gebrochen.” Ich schmunzelte. Ich sah jetzt erst sein blaues Auge. “Hast du das gehört Elisabeth? Dieser kühne SS-Soldat wurde von einer alten Nonne verprügelt,” sagte ich abfällig. “Das war nicht sie”, erwiderte Elisabeth und streichelte sich über den Handknöchel. “Mein Name ist übrigens Stefan”, ich sah ihn nachdenklich an. Es war ihm sichtlich unangenehm, gefangen genommen worden zu sein. “Haben wir uns schonmal gesehen?”, fragte ich. Ich wurde den Gedanken nicht los, dass ich dieser Person schonmal begegnet bin. “Wisst ihr, warum es hier überhaupt solche Zellen gibt?”, versuchte er abermals, vom Thema abzulenken. “Bleiben wir bei meiner Frage: Woher kennen wir uns?”, “Ich war gerade dabei dir und der lieben Elisabeth es zu erklären”, entgegnete er frech, “Mein Vater hat hier im ersten Weltkrieg Kriegsgefangene verhört. Er war sogar zuständig für den Bau dieser Anlage,” er sah sich nachdenklich um, “als Jugendlicher hat er mich hierher mitgenommen – ich kenne die Zellen praktisch auswendig. Ich weiß noch, wie ich in diesem Raum einen Franzosen zusammenschlug.” Er lächelte abfällig, sodass ich das rote Blut sehen konnte, das seine Zähne umrahmte. Elisabeth und ich wandten uns von diesem Mann und seiner abstrusen Geschichte ab, doch mit einem Schlag hatte er wieder unsere Aufmerksamkeit: “Mein Vater hat mittlerweile seine Liebe zur Musik entdeckt. Er spielt den ganzen Tag auf seinem antiken Klavier. Es gehörte mal einem Juden, aber er hat es praktisch geschenkt bekommen.” Er prustete los und ich beugte mich langsam auf meinem Stuhl nach vorne, die Arme auf meine Schenkel gestützt. Ich flüsterte: “Du warst der Kerl in Uniform, der beim Verkauf direkt hinter ihm stand. Du bist der Sohn,” ich hielt inne, “von Johann van Nauritz”, ich hauchte die Wörter aus, als wären sie eine magische Formel. Stefan van Nauritz grinste hämisch: “Der gefürchtetteste und mächtigste Obersturmbannführer im ganzen Rheinland.” Elisabeth bewegte sich langsam auf uns zu. Das hätte er uns nicht verraten sollen. Auf Elisabeths Lippen zeichnete sich ein leises Schmunzeln. Wir alle fühlten uns von Johann van Nauritz betrogen, doch bei Elisabeth lag dieser Schock noch viel tiefer als dem Rest von uns – sie fühlte sich schuldig, da sie es war, die sofort bei dem Handel einschlug.
Sie stand nun in breitem Stand genau vor ihm. Ich saß neben ihr auf meinem Stuhl und schaute zu ihr hoch. Sie stemmte ihre Arme in die Hüfte: “Kaum zu glauben”, murmelte sie. Stefan sah ihr in die Augen. Plötzlich fuhr Elisabeths linker Arm an meiner Wange vorbei und traf inmitten von das Gesicht des Soldaten. Er schrie auf und warf den Kopf nach hinten, ich sah fassungslos zu Elisabeth, die mit ihrer rechten Hand ihre linke umfasste. Van Nauritz kam mit dem Kopf nach vorne. Seine Nase hatte eine tiefe Delle. Elisabeth entfernte sich wieder etwas von uns und lachte hämisch, während sie sich ein Stück Stoff um ihre Hand wickelte: “Anscheinend ist nicht nur mein Fingerknöchel gebrochen!”,

Ich bewunderte Elisabeth für ihre schnelle Reaktion. Vor allem faszinierte mich ihre Entschlossenheit – es war für mich keine Überraschung, dass sie, und nicht ich zuschlug. Bei all der Wut die ich für diesen Mann, und vor allem seinem Vater, verspürte, es wäre mir einfach nicht in den Sinn gekommen, so zu handeln, wie sie es tat. Doch im Nachhinein spürte selbst ich eine gewisse Genugtuung.

Van Nauritz spuckte einen Pfropfen Blut in ihre Richtung: “Du dreckige Schlampe!” Wir ignorierten ihn. Seine Nase pfeifte beim Atmen. Es war das einzige Geräusch im Raum – Elisabeth verarztete sich notdürftig, während ich wie angewurzelt auf meinem Stuhl saß – ich traute mich nicht, irgendwas zu tun oder zu sagen; ich dachte mir, jede Bewegung könnte einen unangekündigten Schlag ins Gesicht verursachen.

Nach einigen Minuten – es fühlte sich an wie Stunden – öffnete sich die Zellentür. Schwester Sigvarda stand im Türrahmen. Unter ihrem Arm hatte sie eine kleine Schatulle geklemmt. “Ich muss Sie beide sprechen. Draußen.” Wir gingen vor die Tür. “Was wissen wir?”, fragte die Nonne. Elisabeth antwortete, bevor ich überhaupt was sagen konnte: “Er ist ein alter Bekannter. Wir haben seinem Vater mal ein wertvolles Klavier verkauft – er bekam es zu einem sehr niedrigen Preis-”, “Wir wurden von ihm über den Tisch gezogen,” warf ich ein, “sein Vater ist der Obersturmbannführer Johann van Nauritz”. Sie sah mich erstaunt an: “Ohne Zweifel?” “Ohne Zweifel”, erwiderte ich, “ich hab ihn schonmal gesehen.”

Sie blickte nachdenklich zum Boden. Elisabeth nahm mit wieder das Wort an sich: “Es werden mehr von ihnen kommen.” Sigvarda lächelte besorgt: “Ich weiß, mein Kind. Doch darüber kümmen wir uns später – geht erstmal in die Kappelle zur Beichte.” Elisabeth nickte stumm. Ich sah ihr nach, wie sie widerstandslos ihren Weg ging. “Sie sind noch nicht fertig”, unterbrach die Schwester meinen Gedankengang und reichte mir die dunkelfarbene Schatulle. Ich öffnete sie neugierig und blickte auf eine hochmoderne, kleine Pistole. Ich schloss das Kästchen hastig und streckte sie wieder Richtung Sigvarda, doch sie unternahm keine Anstalten, die Waffe an sich zu nehmen. Stattdessen strafte sie mich mit ihrem eisernen Blick und strengen Worten: “Sie sind veranwortlich für das Leben der Männer, die sich an diesem heiligen Ort verstecken und dieser Mann, dort in der Zelle, ist für sie eine Gefahr. Also gehen Sie jetzt da rein und tun Sie ihre Pflicht!” Sie drehte sich um und ging. Ich war alleine in dem Gefängnisgang und ich erkannte, dass es keine andere Option für mich gab, als Stefan van Nauritz zu erschießen.

Er hockte noch immer gefesselt auf seinem Stuhl und zog sich die blutige Nase hoch. Ich ging an die Wand zu dem Tisch, wo schon Elisabeth stand, öffnete das Kästchen und nahm die Pistole in die Hand. Sie fühlte sich überraschend leicht an. Es war lange her, seit ich das letzte Mal eine Waffe führte – den Schützenverein verließ ich schleunigst, als sich ideologische Differenzen anbahnten. Auf Menschen schoss ich noch nie, trotzdem war ich geübt im Umgang mit der Waffe. “Muss das sein?” jammerte Stefan. Ich hielt ihn meine Waffe an die Stirn. Sein Meckern hätte auch zu einem trotzigen Kleinkind passen können, dem man ein Spielzeug wegnimmt.

Doch dem Mann drohte gerade der unmittelbare Tod – es war nicht die Reaktion die ich erwartet hatte. Ich wisperte: “Möchtest du noch etwas sagen?” Er sah mir in die Augen – ich hatte Mühe, den Blick zu erwidern. “Dein Freund hätte berühmt werden können”, auch er hatte einen leichten Bruch in der Stimme, “mit dem, was er so komponiert hat. Zu Schade,” ich entsicherte die Pistole, “jetzt machen sie meinen Vater berühmt.” “Was redest du da?!” fragte ich und drückte meine Waffe an seinen Kopf. “Johann van Nauritz – den neuen deutschen Mozart nennen sie ihn!” er wandte seinen Blick von mir und zuckte zynisch mit den Schultern. “Vielleicht siehst du ihn ja schon bald wieder”, sagte ich und hatte wieder seine Aufmerksamkeit. “Das würde mich freuen-”, ich drückte ab. Blut spritzte auf mein Hemd und sein lebloser Körper kippte mit dem Stuhl nach hinten. Ich spürte das Adrenalin, das durch meinen Körper floss – die Muskeln in meinem Körper spannten sich an, meine Hand umfasste fest die Pistole.

Ein einziger Gedanke schoss mir durch den Kopf: Ich habe gerade jemanden erschossen.

Wie in Trance verstaute ich meinen Revolver wieder in die Schatulle und trat nach draußen. Durch den einsamen Zellengang wehte ein kalter Wind. Es war Zeit, die Schwester aufzusuchen und den Leichnam wegzuschaffen.

Eine Welle der Übelkeit überrollte mich plötzlich. Ein eiskalter Schauer lief mir über den Rücken und meine Glieder zitterten. Ich hielt mich an der Wand fest – ich sah kleine schwarze Pünktchen vor mir. Ich realisierte, dass ich immer noch das blutverschmierte Hemd trug; ich musste würgen, zog das Hemd aus und warf es auf den Boden. Heißer Schweiß tropfte von meiner Stirn vom Kinn herunter auf meine Brust.

Ich konnte nur noch daran denken. dass ich gerade einen Menschen getötet habe.

Ich verließ hektisch den Gang. Er hatte plötzlich etwas gefährliches. Im Innenhof standen einige Nonnenschwestern im Kreis. Meine gebrochene Gestalt brachte ihre leisen Gespräche zum Abbrechen und lenkte ihre verwirrten Blicke auf mich. Ich schleppte mich lethargisch zur Kapelle. Sigvarda kam mir entgegen und hielt mir die schwere Tür offen. Sie führte mich hinein, weg von den neugierigen Blicken der Schwestern, wo ich ihr die Schatulle übergab. Die Oberin öffnete sie und hielt mir die Waffe vor: “Behalten Sie die erstmal.” Das erste Mal wirkte sie freundlich und warm auf mich. Ich konnte sogar ein kleines, beruhigendes Lächeln in ihrem Gesicht erkennen. Entweder hatte sie Mitgefühl mit mir, oder aber ich hatte mir den Respekt dieser Frau verdient. Sie fasste mich an der Schulter und führte mich in einen Nebenraum: “Die Beichte wartet”.

 

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