Mordecais Klavier Kapitel 7: Liebe zum Vater(land)

Kapitel 7: Liebe zum Vater(land)

Stefan saß mit seinem Vater mal wieder allein an dem übergroßen Essenstisch – sie benötigten die antike Holztafel nicht, doch sie hatten ihn praktisch geschenkt bekommen. Um sie herum standen fünf Bedienstete. Immer wieder ließ sich sein Vater das Weinglas bis zum Rand neu einschenken. Stefans rührte sein Glas nicht an. Beim achten Glas, und damit der dritten Weinflasche, die sein Vater leerte, fing er an loszupoltern und beschimpfte seinen Sohn: “Was wärst du nur ohne mich, Kind?!”, er schwenkte mit seiner Hand über den Tisch und warf sein Glas um – ein Bediensteter war sofort zur Stelle, um aufzuräumen, “Hätte ich dich nicht beschützt, als du Feigling desertiert bist -” Stefan sah seinen Vater zornig an. Normalerweise schwieg er, doch diesmal unterbrach er Johann van Nauritz mit seiner brechenden Stimme: “Gäbe es keine Monster wie dich hätte ich niemals meinen Posten verlassen.” Er spürte, wie die Bediensteten die Luft anhielten – sie waren professionell und schwiegen stets, wenn Herr van Nauritz mal wieder ausfiel. Doch dass sein Sohn Widerworte gab, war auch für sie neu.

“Du wärst längst tot in einer Gosse, wo die Ratten dich zerfressen”, Johann schmiss den Knochen seines Koteletts nach ihm. Stefan van Nauritz brachte jedwede Disziplin auf, um seinem Vater nicht die Gabel in seiner rechten Hand in den Hals zu rammen. Johann van Nauritz starrte ihn mit gläsernen Augen an: “So wie deine Mutter!”

Stefan warf wutentbrannt den Teller durch den Raum und stürmte hinaus. Diesmal kam keiner, um aufzuräumen. Jeder stand wie angewurzelt an seinem Platz und schaute stur in eine Ecke.

“Noch nie hast du mich stolz gemacht!”, rief sein Vater ihm hinterher, als zwei Bedienstete die große Tür wieder hinter Stefan schlossen.
Stefan flanierte nachdenklich durch das Anwesen. Er fühlte sich wütend und vor allem: hilflos. Er verabscheute seinen Vater dafür, dass er seine Mutter verstoßen hatte. Johann van Nauritz hat sie ganz und gar aus seinem Leben gelöscht – Stefan war der einzige Beweis, dass sie existierte. Doch er war ein Patriot und so schmerzlich es war, so verstand er, warum sein Vater sie verstieß. Er verspürte außerdem ein wenig Dankbarkeit für das, was sein Vater für ihn riskierte – er hätte ihn als Halbjuden genauso gut verstoßen können – er hätte sich sogar einen Haufen Ärger erspart. Doch sein Vater bestach, erpresste und log, sodass Stefan letzten Endes eine arische Blutlinie zertifiziert wurde.

Stefan kam an der Tür zum “Komponistenraum” vorbei. Das schalldichte Zimmer wurde hauptsächlich von seinem Vater genutzt, weshalb Stefan ihn stets vermied. Doch nun packte ihn die Neugierde. Als die Tür öffnete wurde er von einigen Klaviertönen überrascht. Stefan trat ein und das Klavierspiel verstummte abrupt. Am alten Klavier saß die Lieblingshausbedienstete seines Vaters – genau genommen war sie eher Johanns Mätresse als eine Hausangestellte, doch sie sah sich selbst nicht so. Stefan hatte zumindest keine gute Beziehung zu ihr. Sie sprang auf und murmelte: “Hallo Stefan”, jedoch sah sie ihm kein bisschen in die Augen. Er nickte grimmig: “Was machst du hier?”

Sie ging ein Stückchen in seine Richtung, behielt jedoch ihre Hände am Piano.

“Klavier spielen:”

Er schwieg, doch sie kam neugierig auf ihn zu und hielt ihre kalte Hand an seine Stirn: “Hat er dir wieder weh getan?” Stefan wimmelte ihre Berührung mit seinem Unterarm ab. “Nein”, sagte er wenig überzeugend und ging einen Schritt zurück. “Dein Vater ist im Moment etwas”, sie machte eine kleine Pause, bevor sie ihn wieder ansah, “gereizt”, sagte sie als sei dies eine Entschuldigung. “Wieso das?”Sie streichelte mit ihrer Hand das Klavier, bevor sie Stefan antwortete. “Es sind wohl ein paar verdächtige Menschen aus der Stadt geflohen.”

Kommentar absenden

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*