Mordecais Klavier Kapitel 8: Herbstfrost

Herbstfrost

Die Tage vergingen und langsam schleppte sich unser Schicksal von Woche zu Woche, um jede Stunde, in der wir den Anmarsch der SS fürchteten. Wir wollten zurück, wie vereinbart nach zwei Wochen, doch der Pfarrer bat uns inständig in seinen Briefen, auszuharren.

Furchtbare Gedanken plagten uns, während dort draußen ein eisiger Herbst sein Unwesen trieb. Der September hatte noch nicht mal begonnen, als es schon dunkler wurde und ein kräftiger Wind, der nachts an die klapprigen Klosterfenster stieß, uns immer wieder aus unserem verschwitzten Schlaf riss.

Wir hatten Angst, denn der Pfarrer schrieb uns, wie giftig man nunmehr gegen ihn vorging – in den ersten Briefen schrieb er über die bösen Blicke, die man ihm zuwarf und die ausbleibenden Kirchenbesucher. Fast beiläufig schrieb er über die Drohungen, in Nebensätzen versteckt schrieb er von den nächtlichen Besuchern, die ihm eines Abends vor der Haustür auflauerten. Doch voller Zuversicht schrieb er, in seinen Worten schwang die Hingabe mit, wie sie nur bei einem Mann starken Glaubens zu finden war. Er vermochte es viel mehr, über all das Gute, das den Pfarrer zu umgeben schien, zu schreiben, auf dass es seine Leser ebenfalls mit Zuversicht erfüllte. Doch mit der Zeit vergingen auch ihm die guten Nachrichten. Seine Tonart änderte sich nicht, lediglich die Briefe wurden kürzer und der Anteil schlechter Kunde größer. Doch der Geistliche endete jedes seiner Schreiben mit der gleichen Bekundung:

In Gedanken stets bei euch und eurer guten Mission,

G.E. Hoeffer

 

Nun waren Wochen vergangen, in der der Pfarrer uns nicht mehr schrieb. In seinem letzten Brief zeichnete er zuletzt noch ein optimistisches Bild – er fühle sich nicht mehr beobachtet, seine Messen wurden nicht mehr von SA-Männern unterbrochen. Es hatte den Anschein, es werde ruhiger in der Welt des alten Mannes. Doch bei genauerer Betrachtung akzeptierte er schlichtweg diese furchtbare Situation ein Stückchen mehr als zu Anfang seiner Mission. Er ignorierte die starren Blicke, akzeptierte die ständigen Kontrollen.

Wir waren alle besorgt – es war düster geworden seit der Eindringling den Klosteralltag störte. Noch am selben Tag verschloss Sigvarda die rostige Tür zum Keller und ließ einige marode Holzfässer davorstellen. Die anderen Schwestern munkelten, ihre Oberin hätte die verrückte Vorstellung, ein Dämon würde da unten hocken und drohe, seinen Weg nach oben zu finden. Es blieb ein Rätsel, weshalb die Erzählungen so bitter der drastischen Wahrheit entsprachen. Andererseits ist es nur schwer, ein Geheimnis hier für sich zu behalten, in dieser kleinen, in sich gekehrten Welt gab es nichts Verborgenes.

Weder ich noch Elisabeth sprachen mit Sigvarda über das Geschehene. Wir beichteten, und alles weitere regelte sie, ohne ein Wort darüber zu verlieren. Wer weiß, vielleicht schmorrte dort unten immer noch ein fliegenübersäter Leichnam?

Doch zurück zu dem Pfarrer: Anfang November wurde es dann schlagartig kälter – an einem Tag flanierten wir im Hof noch über dunkle Blätter, deren Spitzen frühmorgens gefroren waren, sodass es bei jedem Schritt knackste und einige Schwestern auf der spiegelglatten Oberfläche ausrutschten.

Doch schon am nächsten waren die Blätter fort, von eisigen Winden fortgeweht und wichen einem hässlichen, wässrigen Schnee, der die marmornen Statuen und die kräftigen Bäume kühl umhüllte und ihre Schönheit verschleierte.

An einem solchen Tag standen Alexander, Elisabeth und ich im Hof und warteten auf Willhelm, um gemeinsam in der Gegend nach Feuerholz zu suchen. Es war zwar noch nicht so eisig, dass wir ständig heizen mussten, doch uns drohte ein ungemein kalter Winter. Alexander schaute sich ungeduldig um – seine Nase war rot und leicht geschwollen, er hatte den Mund leicht geöffnet und atmete hörbar in langsamen, aber tiefen Zügen. Seine Stimme rasselte kränklich, doch er war niemand, der Krankheiten ernst nahm – dass ihm kalt war ließ er sich nicht anmerken, obwohl seine Hände bis zu den Handgelenken in den Taschen hatte und sicherlich nicht daran dachte, seine Position zu wechseln. Alexander gehörte zu den wenigen Menschen, die das Schicksal hinnahmen und sich nicht beschwerten, geschweige denn dagegen rebellierten.

Elisabeth dagegen trug ihr Leid in jedem Gesichtszug, in jedem Schritt und jedem Wort. Sie hampelte jämmerlich herum, die Arme vor die Brust verschränkt. Unter normalen Umständen genoß sie die kalte Jahreszeit – ihr heller Teint ermöglichte ihr fast jede Wintermode, ihre natürliche Stärke strahlte förmlich in frostigen Zeiten aus.  Sie liebte es, mit ihrem adretten Wintermantel und teuren Halbstiefeln die Blicke in der Stadt auf sich zu ziehen. Doch nun war sie hier und der Wintermantel musste einem gebrauchten, dunklen Lederüberwurf weichen.

Während wir dort nun warteten, schritt plötzlich Hoeffers Bote durch das große Holztor. In seinen Fäustlingen hielt er zitternd einen beigen Briefumschlag, den er triumphierend hochreckte. Trotz seines Stolzes wirkte er gebrochen. Sein angestrengter Rücken krümmte sich, sein schwarzer Hut war bedürftig geflickt worden. Krummen Schrittes kam er auf uns zu, mit einem schiefen Lächeln und dem Brief immer noch in der Luft. “Ihm geht es gut”, schnaubte er, “Der Pfaffe lebt noch! Und er denkt an euch, das soll ich euch höchstpersönlich ausrichten.” Ich nahm ihm den Brief aus der Hand, bevor es Elisabeth versuchte. “Vielen Dank”, flüsterte ich während ich mich mit den anderen umdrehte und gedankenvoll in die Gänge schlurfte. Elisabeth schlug mir ungeduldig auf den Arm, während ich fasziniert über das Papier streichte. Der Umschlag war rau, beinahe ledrig und nicht mit einem Siegel, sondern einfachem heißen Wachs verschlossen. Alexander ging uns vorraus. Willhelm kam uns an seiner Jacke fummelnd entgegen. Alexander nahm ihn an der Schulter und drehte in einem Schwung in unsere Richtung. “Der Priester hat uns geschrieben”. Willhelm brachte nicht mehr als einen verwunderten Laut zustande und folgte ihm willig ins Innere der Kapelle.

Die dunklen Bänke im Bethaus waren leer. Keine Nonne kniete in einer der Reihen, niemand betete andächtig vor sich hin. Alexander, der immer noch den Brief in der Hand hielt, ging bedächtig den Gang entlang, der zum Altar führte. Eine Armlänge vor den drei Stufen stoppte er und machte einen so tiefen Knicks, dass sein Knie den Boden kurz berührte, und bekreuzigte sich. Es waren nur einige Sekunden, die er brauchte, doch mir kam es erdrückend lange vor. Für einen Moment füllte er die Leere des Raumes mit seiner Stille, seine Bedächtigkeit ließ selbst das Kerzenlicht hell aufflackern.

Elisabeth unterbrach.

Alexander hatte sich gerade erhoben, als sie ihm den Brief bestimmt abnahm. Geradewegs schritt sie die Treppen hoch und legte den Brief auf den steinernen Altar. Wir gingen ebenfalls hoch, ich bekreuzigte mich hastig, und umkreisten sie. Elisabeth entfernte ungeschickt den Verschluss, zu nervös war sie, ihre Miene war versteinert, sie atmete tief und unregelmäßig. Ihr Atem blies die Kerzen fast aus. Elisabeth hielt den pergamentartigen Brief in den Händen. Der Priester hatte so klein geschrieben, dass nur Elisabeth seine geschwungene Schrift lesen konnte. Sie hob den Brief etwas nach oben, fast, als sei er etwas Heiliges, und las vor:

 

Meine Freunde!

Lang ist’s her, als ich euch das letzte Mal schrieb. Ich bedaure euch im Ungewissen gelassen zu haben. Ich möchte nicht lügen, es waren harte Zeiten für mich. Die Regierung geht immer härter gegen uns vor, der Vatikan hat meine Kirche aufgegeben und mich zuletzt exkommuniziert, ich bin nun noch schutzloser als vorher ohne den Schirm des Papstes.

Es ist eine Schande, doch ich bin froh euch in Sicherheit zu wissen. Zuletzt kamen bewaffnete Männer hereingetreten, als ich meine Andacht hielt. Sie warfen mich noch im Gebet zu Boden, schnürten mir fast die Luft ab, dass ich fast ohnmächtig geworden wäre. Sie redeten von Beschlagnahmung, plünderten meine Kirche und nahmen nicht nur die Almosen mit, sondern auch einige Gemälde, Töpferkunst und selbst mein Ostergewand klauten sie! Es sind schwere Zeiten, doch ich bin zuversichtlich, dass Gott mir beistehen wird, auch wenn keine Entspannung in Sicht ist. In den letzten Tagen braute sich sogar noch mehr Hass zusammen: In der gestrigen Nacht marschierten einige SS-Soldaten, sie waren zivil gekleidet doch ich kannte ihre Gesichter, durch die Wohnstraßen und demolierten den Gebrauchtwarenladen einer meiner jüdischen Freunde. Die fünf Männer grölten wie zwanzig, der Frau des Inhabers schlug einer von ihnen ins Gesicht. Ich habe immer noch Sorge, dass etwas Grauenhaftes bevorsteht. Der Amerikaner aber sagt mir nichts, ich wollte ihn heute treffen doch er scheint den Kontakt mit mir zu meiden.

Ich hoffe, euch bald einen Brief schreiben zu können, in dem ich euch eine baldige Rückkehr versprechen darf, doch die gegebenen Umstände lassen auch mich sorgen.

Ich weiß nicht, wann ich euch den nächsten Brief schreiben kann, ich bitte euch, hoffnungsvoll und gottesfürchtig zu sein, falls ihr nichts mehr von mir hören solltet, bedanke ich mich bei eurem guten Tun, bitte verschwendet euer Leben nicht!

Denkt an mich,

G.E. Hoeffer

 

Als Elisabeths Stimme ausklang und sie den Brief nach unten sank, waren wir alle still. Das Holz in einem Kamin knisterte laut, das Licht des Feuers tanzte auf ihrem Gesicht. Sie knickte den Brief mittig. Wir tauschten ein paar unbeholfene Worte des Trostes aneinander aus. Dann ging jeder von uns in sein Bett. Es war gerade erst Nachmittag, man hörte den Chor der Nonnen in ihrer Kapelle. Doch an diesem Tag schliefen wir alle früh.

Es sollten ein paar kalte Monate werden, im Innenhof lagen schon mehrere Haufen bunter, zusammengekehrter Blätter. Am heutigen Morgen glänzten die Farben  noch unter dem Mantel des Frosts, doch nun trieften sie alle bräunlich vom vollgesaugten Wasser.

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