Mordecais Klavier Kapitel 9: Angst und Vorausahnung

Als Pastor Hoeffers Kopf wie der eines Schuljungen aus der Tür seiner Kirche lugte, war es schon am Dämmern. Er wirkte verängstigt, doch vielleicht fror er auch nur aufgrund des aufkommenden Winters. Seine Kutte wehte leicht, doch er hielt sein Holzkreuz fest umschlossen. Man konnte nicht genau erkennen, ob er das Kruzifix vor dem Wetter schützen oder das Kreuz näher an sein Herz drücken wollte. Es war ein schlichtes Kreuz, bescheiden wie der Gottesmann selbst, doch für ihn hatte es einen ungeheuren Wert.

Im Krieg diente er als Seelsorger, als er im Kriegsgefangenenlager auf einen Franzosen traf – es war dreckig, voller Mäuse und Kakerlaken und die Luft war erfüllt vom Schweiß und dem Schmerz der Soldaten.

Er sah einen Franzosen, wie sich seine bläulichen, trockenen Lippen scheinbar stumm bewegten, ein Holzkreuz fest umschlossen. Hoeffer ging zu ihm und bemerkte das zerfetzte rechte Bein, der Soldat war scheinbar von einer Granate getroffen worden. Ein Fuß war nicht mehr erkennbar, nur ein Fleischgebilde, das  mit einigen Hemden seiner offenbar schon verstorbenen Kameraden umwickelt war.

Der Pastor neigte sein Ohr in Richtung des Kopfes des Gefangenen, dessen eisblauen Augen lethargisch in die Leere blickten. Es schien, als wollte Hoeffer den Atem des Mannes prüfen, was auch immer das nutzen sollte, doch auf einmal hörte er, dass aus dem staubtrockenen Mund ein französisches Gebet erklang – mithilfe seiner guten Lateinkenntnisse und seinem brüchigen Französisch verstand der Seelsorger, dass dieser Mann sich auf seinen Tod vorbereitete.

Hoeffer nahm die staubige Hand des Franzosen, worauf dieser in sein Gesicht blickte. Hoeffer senkte den Kopf demütig und betete auf Latein, in der Hoffnung, dass der Soldat ihn ebenfalls halbwegs verstehen könnte.

Der Begleiter sprach das Apostolikum, rezitierte einige Psalmen, die von Frieden und Brüderlichkeit handelten, bevor er mit einem Vaterunser abschloss. Die ganze Zeit blickte der Soldat auf ihn.

Als der Gottesmann seine Stimme sank und sich bekreuzigte, erwiderte er den Blick. Hoeffer meinte, ein kurzes Aufflammen in den Augen des Sterbenden zu sehen. Dieser sammelte seine letzten Kräfte, hebte seinen Arm einige Zentimeter nach oben in Richtung des Pastors und reichte ihm sein Holzkreuz. Der Fromme nahm es zögerlich entgegen, sodass sich die Muskulatur des Franzosen wieder entspannte. Seine Brust hebte sich noch ein letztes Mal, er hauchte bemüht ein “Merci” aus und langsam spürte der Pastor, wie die Hand die seine langsam losließ.

 

Es ist lange her, doch Pastor Hoeffer musste ausgerechnet jetzt an den Soldaten denken. Jetzt, wo er durch die Straßen und Gassen schlich, wie ein Geist, ungesehen, ungehört, denn böse Menschen wollten ihm schlechtes. Er war ein Ungewollter in seiner Stadt. Doch jetzt, wo die Repressionen am brutalsten schienen,  erinnerte er sich an seinen Glaubensbruder und fühlte eine gewisse Gefühlsverwandtschaft.

Er, der Gejagte in einem gottlosen Staat, dessen Jäger unerschütterlicher Glauben sich selbst galt. Ein Beherrschter, dessen Herrscher ihrer eigenen Menschlichkeit widerstreben.

Ja, der Pastor verspürte Angst in der dunklen Nacht. Doch was nützte ihm diese Furcht, außer dass seine Glieder zitterten, dass das Öffnen der Tür schon eine Herausforderung war?

 

Während Hoeffers schüttelnde Hand sich am Türknauf abarbeitete, schritt Rabbi Jojachin auf der anderen Seite in seine Richtung. Er hörte die kurzen, zischenden Atemzüge des Pfarrers durch die hölzerne Tür, der lockere Knauf wackelte ebenfalls auf seiner Seite, doch das Schloss war verrostet und die beschlagene Tür rührte sich kein Stück. Jojachin legte seine blasse, von blauen Adern durchzogene Hand den Eisenbeschlag der Tür und senkte leidsam seinen Kopf. Er liebte den Christen, sie waren Gefährten und er sollte seinem Freund nicht die Türe öffnen. Der Rabbi wusste genau, dass er damit seinen Schicksalsweg vorbestimmen würde, wenn er es zulasse, dass Hoeffer in seine Synagoge trete.

Und trotzdem – Rabbi Jojachin verriegelte die Tür nicht, er ließ den verschwitzten, ängstlichen Pfarrer nicht mal draußen stehen und selbst entscheiden, wie diese Nacht für ihn enden sollte, sondern öffnete seinem Freund die Tür und er trat ein.

Sie küssten sich brüderlich auf die Wange und hielten sich lange im Arm, bevor sie sich an einen kleinen improvisierten Tisch etwas vor das Heiligtum saßen. Vor dem Rabbi lag der Tanach, vor dem Pfarrer die Bibel.

Einige Kerzen brannten, das Licht ließ die weißen Tücher vor den eingeschlagenen Fenstern flackern.  

“Weißt du noch”, nun zitterte auch Jojachin bei seinen Worten, “als wir uns im Schützengraben versteckten? Du verfluchtest Gott und die Welt, noch nie habe ich einen Menschen so schimpfen gehört”, die beiden schmunzelten krampfhaft, in seinem Bart verfingen sich einige Tränen, “und dann noch einen Gottesmann! Wir hatten kaum noch Munition, man beschoss uns seit langem wieder, mit Granaten, Feuer, der Himmel schien zu brennen und neben mir lag ein Pfarrer der dem Ewigen den Tod wünschte!” Jojachin warf die Hände entschuldigend nach oben, “Bis dahin reicht meine Erinnerung”, warf Hoeffer ein – sein Gesicht war rot und er verdrückte sich in seinem Stolz einige Tränen. Wieder übernahm Jojachin das Wort: “Ich nahm das Gewehr und schlug dir damit auf den HInterkopf damit du still bist. Vielleicht habe ich uns damit alle vor dem himmlischen Zorn gerettet, vielleicht war es aber auch nur Zufall, dass ab da der Beschuss abgenommen hat”, seine Stimme bebte nun nicht mehr, wie sonst in seinen Predigten, sondern schwang bedacht und leise durch das ganze Gebäude wie der Rabbi vorfuhr; “Der gleiche Christ, den ich da vor der Wut seines eigenen Gott gerettet habe, dieser Christ führte mich alsbald wieder zu meinem hin. Mein Freund, du bist der Grund warum ich mit dir heute hier sitze und mein Leben nicht irgendwann auf dem Schlachtfeld gelassen hätte.”  Ihre Hände ruhten auf ihren Büchern, die Stimme Jojachins schwieg, es war Stille eingekehrt. “Die Sonne ist schon untergegangen”, flüsterte Hoeffer, “ es ist dunkel und nur die Kerzen spenden uns Licht”, “Sie werden noch diese Nacht ausgehen”, unterbrach der Rabbi bis der Pfarrer fortfuhr: “Was mag passieren wenn die Sonne wieder aufgeht?”, in den Worten des Pfarrers schwang die Furcht mit,  “Wer weiß?”

In der Stille bewegten sich ihre Hände aufeinander zu. Sie hielten einander. Dort draußen schienen auch Lichter zu sein. Vielleicht waren es Kerzen, vielleicht auch etwas ganz anderes. Es war die Nacht des neunten Novembers und mitten in der Synagoge des Jojachin saßen ein Christ und ein Jude und hielten Hände.

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