Schneesturm

Es war diese grässliche Rastlosigkeit.

Dieser ständiger Drang, sich bewegen zu müssen, gepaart mit der furchtbaren Vorahnung, dass eine etwas zu unsichere oder zu steife Bewegung mit etwas Pech ein tödliches Ende nähme.

In diesem Dilemma befanden sich natürlich erstmal die Neulinge, die die Front zuvor noch nie gesehen hatten. Aber je länger er hier nun an der Front feststeckte, umso mehr hatte er das Gefühl. dieser Drang käme zurück.

Ebenso machte ihm das Atmen zu schaffen. Er spürte eine impulsives, eisiges Zerren in seiner Brust, sein Hals war wund und schmerzte vom rasselnden Husten, der ihn plagte.

Es stürmte, sodass seine Augen brannten. Er entschloss sich, einen windstillen Ort zu suchen und eine Zigarette zu rauchen. Es war eine seiner letzten Zigaretten.Zwar verging das Zerren dadurch nicht, aber es wirkte auf ihn wie in Dämpfer – die Schmerzen verflogen soweit, dass er wieder den Kopf frei zu denken hatte.

Warum war er hier? Und was ließ ihn bleiben?

Er nahm einen Schluck aus seiner Wasserflasche. Selbst das Wasser schmeckte bleiern und das Schlucken schmerzte, doch es machte ihn ein weiteres Stück klarer im Kopf.

Er wusste zwar, dass Krieg nicht schön war, jedoch hatte er keine Ahnung, wie hoffnungslos und dumpf ihn diese Situation machen würde – Einst kämpfte er, weil er sein Vaterland vor dem Feind verteidigen wollte, dann irgendwann, wollte er seine Frau und seine Kinder schützen. Es spendete ihm Kraft, diese Angst, dass, wenn er fällt, seine Familie nicht nur auf sich selbst gestellt, sondern auch vom Feind überrannt worden wäre.

Doch seit der Winter anbrach und er richtige Kälte kennenlernte – seitdem dachte er kaum noch an seine Frau, und noch weniger an seine Kinder.

Er sah nach oben und tagträumte ein wenig. Er wollte überleben, aber trotzdem hockte er hier im versifften Schnee, während um ihm herum die Welt zusammenfiel. Es war wahnsinnig und unverständlich für ihn. Er könnte vielleicht überleben, wenn er jetzt sofort aufspringen und rennen würde – immer weiter, egal in welche Richtung, nur weit genug, wo er keine Schüsse mehr hören würde.

Was tat er da? War er lebensmüde geworden? Es war Krieg, er hörte die Schüsse, zwar nur sehr dumpf, aber sie waren da und eine einzige Kugel könnten sein Leben beenden. Der nasse Schnee in seinen Stiefel wird ihn zwar nicht umbringen, aber vielleicht die Granatsplitter, mit denen der Boden gespickt war.

Und trotzdem hockte er hier im Schnee, obwohl die Welt zusammenfiel.

Er richtete sich auf, schnappte sich sein Gewehr und griff etwas zu unsicher zu seinem Flachmann.

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