Sinnverkehrt

 

Sinnverkehrt

Das Schaufenster war voll mit Puppen, die alle möglichen Bewegungen machten – Im Hintergrund tanzten zwei, links davor saß eine Schaufensterpuppe in Denkerpose. Und direkt vor dem Fenster streckte ein Mannequin auf den Knien pathetisch die Arme gen Himmel. Die Szenerie wäre großartige Werbung für das Geschäft gewesen, doch die Puppen waren nackt und stellten nichts aus. Die meisten Passanten würdigten dem Schauspiel keinen zweiten Blick.

Wiese hat sich da jemand die Mühe gemacht, all die Figuren aufzustellen, ohne für seine Waren zu werben? Ein sinnloser Scherz? Oder eine sinnvolle Beschäftigung für jemanden, der zu viel Zeit hat?

Eine sinnvolle Beschäftigung müsste allerdings einen Zweck erfüllen, der sich bisher nicht finden ließ. Doch wie sinnlos kann eine Beschäftigung sein, wenn jemand es für sinnhaft genug empfindet, der Beschäftigung nachzugehen? Was sich dort im Ladenfenster darbot, war weder sinnlos noch sinnvoll.

Es war so sinnverkehrt, wie der Dönerladen, der Pizza anbot. Die Sache ist zwar nicht ganz rund, aber unerklärbar ist sie auch nicht – in einer Welt, wo Oben Unten ist und anscheinend Istanbul in der Toskana liegt.

So sinnverkehrt ist auch die Welt des Atheisten.

Ich glaube daran, dass es nichts zu glauben gibt?

Sinnlos ist es vielleicht nicht – so kann man es doch nachvollziehen! Doch in der Logik ist das System paradox. Glaubt man, nicht zu glauben, so glaubt man an den Nichtglauben. Eine sinnverkehrte Philosophie, die souverän in der Sinnverkehrtheit fußt und sie mit Stolz und Selbstbewusstsein präsentiert.Dem Atheismus soll keine Schuld gegeben werden für das was er ist. Jeder Glaube hat etwas sinnverkehrtes an sich. Glaube heißt nicht Wissen doch Wissen heißt, die Richtigkeit nachweisen zu können.

Doch jeder, der glaubt – oder nicht glaubt – tut dies in der Annahme, richtig zu liegen.

Aber wie kann ich glauben, und dabei mir sicher sein, zu wissen?

Mein Verstand sagt mir ich liege nicht falsch aber mein Gefühl sagt mir ich liege nicht richtig. So sicher man sich nun der Sinnverkehrtheit ist, umso sicherer ändert sich nun nichts an dem Glauben, sei es auch der Nichtglauben.

Denn sinnverkehrt ist schlussendlich genauso das Alltägliche.

Das Steak, dass uns in der Woche zuvor noch schmeckte und wir nun nicht mal mehr herunterkriegen.

Der Baseballschläger, der für alles Mögliche, aber nicht für Baseball verwendet wird.

Die Blume, die zwei Wochen halten sollte und nun seit drei Monaten erblüht.

Wir haben uns an das Sinnverkehrte gewöhnt, so sehr, dass all das, was nicht mehr sinnverkehrt ist, uns sinnverkehrt erscheint.

Macht das Sinn?

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