Kurzgeschichten

Die Taxifirma

Gepostet von am Juli 26, 2017 in Kurzgeschichten

Die junge Frau reagierte, im Affekt – blitzartig kniete sie sich zu dem Mann, der am Bahnsteig lag und sich vor stöhnenden Schmerzen krümmte. Sie konnte nicht sehen, was passiert ist

Sie ratterte den Fragenkatalog ab, den sie vor knapp drei Jahren für den Führerschein gelernt hat.

“Sind sie ansprechbar?”

“Mmpfmpf:“

Der Mann im Anzug  hielt sich schützend eine Hand vor dem Mund, der Kiefer hing locker herum, aber er schien ansprechbar zu sein.

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Bahnfahrt

Gepostet von am Juli 26, 2017 in Kurzgeschichten

Er seufzte, als sich die Anzeigetafel aktualisierte. Die Bahn sollte mit einer fünfundvierzigminütigen Verspätung eintreffen. Natürlich hätte man sich das denken können, aber man konnte ihm auch nichts vorwerfen. Soll der Chef doch sagen, dass er eine frühere Linie aussuchen sollte. Dabei wussten sie beide, dass das Unsinn war.

Sein Handy summte. Es war nicht sein Boss, sondern seine Tochter. Er schmunzelte leicht. Sie sollte eigentlich schon im Bett sein. Er schrieb ihr, dass er noch etwas erledigen musste, dass er spät nach Hause kommen würde und dass sie jetzt ins Bett gehen sollte. Sie rief ihn an, doch er wollte nicht telefonieren und drückte sie weg.

Er wusste, von wem sie ihre Ungeduld hatte.

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Mordecais Klavier Kapitel 6: Respekt

Gepostet von am August 10, 2016 in Kurzgeschichten, Mordecais Klavier, Uncategorized

Kapitel 6: Respekt

Ich fiel. Es war dunkel, doch ich spürte, dass mich Gestein umgab. Kalte Steine, an denen Moos wuchs. Ich fühlte, wie klares Wasser an ihnen entlang rannte und zählte die Sekunden, die ich mich jetzt schon im freien Fall befand.

Eine Sekunde. Zwei Sekunden. Drei Sekunden.

Etwas umfasste meinen rechten Arm. Ich roch die staubigen Steine und schmeckte das nasse Moos. Auch das kalte Wasser fühlte ich in meinen Händen. Doch ich sah nicht, was mich da so unnachgiebig Richtung Boden drückte.
Ich riss meine Augen auf. Vor meinem Bett stand der junge Mann, mit dem ich gestern im Speisesaal mein Brot teilte. Er fuchtelte aufgeregt mit den Händen und sagte etwas auf polnisch. Ich versuchte aufmerksam zuzuhören, doch ich verstand kein Wort. Ich schüttelte verwirrt den Kopf, sodass er anfing, langsamer zu sprechen. Jetzt verstand ich wenigstens ein Wort: “Sigvarda, Sigvarda!”, sagte er und deutete auf die Tür.

Ich raffte mich aus meinem Bett und zog mir ein Hemd über. Vor der Tür stand die Schwester. Sie sah mich grimmig an: “Wir haben einen Problem.”

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Ein Wochenende zwischen Sport und Journalismus – von Julia Berger

Gepostet von am Juli 22, 2016 in Kurzgeschichten, Slider

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Engagierte Jugendliche auf dem 150. jugend presse kongress 

Der 150. jugend presse kongress hat seine Zelte wieder aufgeschlagen. Dieses Mal vom 1.-3. Juli 2016 in der Sportschule der Bundeswehr in Warendorf, Nordrhein-Westfalen. Insgesamt 125 sozial und politisch engagierte Jugendliche verfassten unter dem Thema „Zwischen Military Fitness und Olympia – Sport bei der Bundeswehr“ Beiträge für eine PR-Zeitung, einen Blog und einen PR-Film. Unter ihnen auch eine Schülerin aus Eutin.

Der Workshop fand unter der Leitung der young leaders GmbH statt und ermöglichte Jugendlichen einen vielfältigen Einblick in den Journalismus. Doch am ersten Tag stand das Kennenlernen zunächst im Vordergrund. Schon im Zug nach Warendorf wurden die ersten Kontakte geknüpft: Wo kommst du her? Wie engagierst du dich? „Wir sind wieder eine ganz bunte Truppe“, bemerkten einige Teilnehmer lachend und voller Erwartungen auf die nächsten Tage.

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Mordecais Klavier Kapitel 1-5

Gepostet von am Juni 22, 2016 in Kurzgeschichten, Mordecais Klavier

Mordecais Klavier

Kapitel 1: Kopf oder Zahl?

Aus dem Radio hörten wir tosenden Beifall, der mit der Stimme Hitlers immer lauter wurde. Willhelm und ich saßen am Tisch und lauschten dem Radio, das zwischen uns auf dem Tisch stand.

Hitler referierte abermals über das Ermächtigungsgesetz, als Elisabeth den Raum betrat und uns vorwurfsvoll anstierte: “Mach das aus”. Willhelm leistete ihr Folge. Elisabeth schlurfte zum Klavier, das sie mit einer Plane abgedeckt und wo sie nun ihre Spiritousen stehen hatte. Sie goss sich einen Hochprozentigen ein. Ich holte tief Luft – es war noch nicht einmal Nachmittag: “Das Radio auszuschalten löst das Problem nicht,” zischte ich sie an, “die Nazis werden immer mächiger und wir müssen zumindest wissen, was sie vorhaben.” “Und du glaubst ernsthaft, Goebbels erzählt uns was, was wir eh nicht schon wissen?!” Sie sah mich eisig an, “Das ist Propaganda, das nützt uns doch nichts!” Ich konnte dagegen nichts sagen. Seit Mordecai weg war trank sie andauernd,was wir alle bedauerten. Doch Elisabeth war nicht die Einzige, die Angst hatte.

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Sinnverkehrt

Gepostet von am Mai 23, 2016 in Kurzgeschichten

 

Sinnverkehrt

Das Schaufenster war voll mit Puppen, die alle möglichen Bewegungen machten – Im Hintergrund tanzten zwei, links davor saß eine Schaufensterpuppe in Denkerpose. Und direkt vor dem Fenster streckte ein Mannequin auf den Knien pathetisch die Arme gen Himmel. Die Szenerie wäre großartige Werbung für das Geschäft gewesen, doch die Puppen waren nackt und stellten nichts aus. Die meisten Passanten würdigten dem Schauspiel keinen zweiten Blick.

Wiese hat sich da jemand die Mühe gemacht, all die Figuren aufzustellen, ohne für seine Waren zu werben? Ein sinnloser Scherz? Oder eine sinnvolle Beschäftigung für jemanden, der zu viel Zeit hat?

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Entscheidungsmomente und die Zeit

Gepostet von am Mai 13, 2016 in Kurzgeschichten

Er liebte es.

Er liebte es wie nichts anderes und in diesem Moment schien es absolut. Er hat sein Leben lang deswegen geschuftet und immer damit herumgespielt und er genoss jede Sekunde davon. Schon immer fühlte er sich von Macht angezogen. Er übte es leidenschaftlich aus und war gut in den Spielen, die er trieb. Und jetzt, wo er dort saß spürte er es vollkommen. Er erkannte eine Machtsituation immer an einem leichten Kribbeln in der Nase.

Jetzt war es schon fast ein Niesen. Er lächelte, ja grinste fast abnormal. Aber wieso auch nicht? Er konnte es sich auch leisten. Sind diese Momente nicht dafür da?

Für ihn schon.

Er würde wahrscheinlich lauthals lachen, wenn er nicht umzingelt von Menschen gewesen wäre, die ihn dann, völlig zu Recht, verständnislos angestarrt hätten.

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Schneesturm

Gepostet von am April 1, 2016 in Kurzgeschichten

Es war diese grässliche Rastlosigkeit.

Dieser ständiger Drang, sich bewegen zu müssen, gepaart mit der furchtbaren Vorahnung, dass eine etwas zu unsichere oder zu steife Bewegung mit etwas Pech ein tödliches Ende nähme.

In diesem Dilemma befanden sich natürlich erstmal die Neulinge, die die Front zuvor noch nie gesehen hatten. Aber je länger er hier nun an der Front feststeckte, umso mehr hatte er das Gefühl. dieser Drang käme zurück.

Ebenso machte ihm das Atmen zu schaffen. Er spürte eine impulsives, eisiges Zerren in seiner Brust, sein Hals war wund und schmerzte vom rasselnden Husten, der ihn plagte.

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Ein Gespräch

Gepostet von am April 1, 2016 in Kurzgeschichten

“Du kennst ihn, John?”

Sie schaute ihn von unten nach oben an, Als sie weitergingen.

“Nicht mal seinen Namen, “ antwortete John. Sie lachte leicht, konnte aber ihr Unverständnis nicht verbergen.

“ Wenn Du noch nicht mal den Namen kanntest, warum hast du dich dann nach seiner Frau erkundigt?” Er musste schmunzeln. Man merkte, dass sie neu hier war. “Er hatte doch einen Ehering an nicht wahr?” Sie blieben stehen. Das erste Mal wirkte sie beeindruckt – ein seltener Gemütszustand, den er von der Marketingabteilung ansonsten nicht gewöhnt ist. “Nicht schlecht”.

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Die Abreise

Gepostet von am April 1, 2016 in Kurzgeschichten

 

Wo war denn sein Hut?

Er brauchte seinen Hut. Er brauchte ihn dringend. Es wäre fast selbstmörderisch keinen Hut mitzunehmen.

Auf der Ablage war er nicht, und auch in seinem Koffer war er nicht versteckt. Dabei hatte er ihn doch eben noch gesehen.

Das war alles deren Schuld. Was trieb die dazu, so früh anzurufen? Am liebsten würde er jetzt einfach nach oben gehen und ausschlafen.

Aber das konnte er nicht.

Denn wenn er ehrlich war, wusste er, dass er schon lange vor dem Anruf wach war. Er war nunmal ein Frühaufsteher, also schon längst ausgeschlafen. Außerdem musste er ja weg. Das war seine Aufgabe. Er sah nochmal hinter den Jacken in der Garderobe.

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