Mordecais Klavier

Mordecais Klavier Kapitel 9: Angst und Vorausahnung

Gepostet von am Mai 19, 2017 in Mordecais Klavier

Als Pastor Hoeffers Kopf wie der eines Schuljungen aus der Tür seiner Kirche lugte, war es schon am Dämmern. Er wirkte verängstigt, doch vielleicht fror er auch nur aufgrund des aufkommenden Winters. Seine Kutte wehte leicht, doch er hielt sein Holzkreuz fest umschlossen. Man konnte nicht genau erkennen, ob er das Kruzifix vor dem Wetter schützen oder das Kreuz näher an sein Herz drücken wollte. Es war ein schlichtes Kreuz, bescheiden wie der Gottesmann selbst, doch für ihn hatte es einen ungeheuren Wert.

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Mordecais Klavier Kapitel 8: Herbstfrost

Gepostet von am April 1, 2017 in Mordecais Klavier

Herbstfrost

Die Tage vergingen und langsam schleppte sich unser Schicksal von Woche zu Woche, um jede Stunde, in der wir den Anmarsch der SS fürchteten. Wir wollten zurück, wie vereinbart nach zwei Wochen, doch der Pfarrer bat uns inständig in seinen Briefen, auszuharren.

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Mordecais Klavier Kapitel 7: Liebe zum Vater(land)

Gepostet von am August 24, 2016 in Mordecais Klavier

Kapitel 7: Liebe zum Vater(land)

Stefan saß mit seinem Vater mal wieder allein an dem übergroßen Essenstisch – sie benötigten die antike Holztafel nicht, doch sie hatten ihn praktisch geschenkt bekommen. Um sie herum standen fünf Bedienstete. Immer wieder ließ sich sein Vater das Weinglas bis zum Rand neu einschenken. Stefans rührte sein Glas nicht an. Beim achten Glas, und damit der dritten Weinflasche, die sein Vater leerte, fing er an loszupoltern und beschimpfte seinen Sohn: “Was wärst du nur ohne mich, Kind?!”, er schwenkte mit seiner Hand über den Tisch und warf sein Glas um – ein Bediensteter war sofort zur Stelle, um aufzuräumen, “Hätte ich dich nicht beschützt, als du Feigling desertiert bist -” Stefan sah seinen Vater zornig an. Normalerweise schwieg er, doch diesmal unterbrach er Johann van Nauritz mit seiner brechenden Stimme: “Gäbe es keine Monster wie dich hätte ich niemals meinen Posten verlassen.” Er spürte, wie die Bediensteten die Luft anhielten – sie waren professionell und schwiegen stets, wenn Herr van Nauritz mal wieder ausfiel. Doch dass sein Sohn Widerworte gab, war auch für sie neu.

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Mordecais Klavier Kapitel 6: Respekt

Gepostet von am August 10, 2016 in Kurzgeschichten, Mordecais Klavier, Uncategorized

Kapitel 6: Respekt

Ich fiel. Es war dunkel, doch ich spürte, dass mich Gestein umgab. Kalte Steine, an denen Moos wuchs. Ich fühlte, wie klares Wasser an ihnen entlang rannte und zählte die Sekunden, die ich mich jetzt schon im freien Fall befand.

Eine Sekunde. Zwei Sekunden. Drei Sekunden.

Etwas umfasste meinen rechten Arm. Ich roch die staubigen Steine und schmeckte das nasse Moos. Auch das kalte Wasser fühlte ich in meinen Händen. Doch ich sah nicht, was mich da so unnachgiebig Richtung Boden drückte.
Ich riss meine Augen auf. Vor meinem Bett stand der junge Mann, mit dem ich gestern im Speisesaal mein Brot teilte. Er fuchtelte aufgeregt mit den Händen und sagte etwas auf polnisch. Ich versuchte aufmerksam zuzuhören, doch ich verstand kein Wort. Ich schüttelte verwirrt den Kopf, sodass er anfing, langsamer zu sprechen. Jetzt verstand ich wenigstens ein Wort: “Sigvarda, Sigvarda!”, sagte er und deutete auf die Tür.

Ich raffte mich aus meinem Bett und zog mir ein Hemd über. Vor der Tür stand die Schwester. Sie sah mich grimmig an: “Wir haben einen Problem.”

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Mordecais Klavier Kapitel 1-5

Gepostet von am Juni 22, 2016 in Kurzgeschichten, Mordecais Klavier

Mordecais Klavier

Kapitel 1: Kopf oder Zahl?

Aus dem Radio hörten wir tosenden Beifall, der mit der Stimme Hitlers immer lauter wurde. Willhelm und ich saßen am Tisch und lauschten dem Radio, das zwischen uns auf dem Tisch stand.

Hitler referierte abermals über das Ermächtigungsgesetz, als Elisabeth den Raum betrat und uns vorwurfsvoll anstierte: “Mach das aus”. Willhelm leistete ihr Folge. Elisabeth schlurfte zum Klavier, das sie mit einer Plane abgedeckt und wo sie nun ihre Spiritousen stehen hatte. Sie goss sich einen Hochprozentigen ein. Ich holte tief Luft – es war noch nicht einmal Nachmittag: “Das Radio auszuschalten löst das Problem nicht,” zischte ich sie an, “die Nazis werden immer mächiger und wir müssen zumindest wissen, was sie vorhaben.” “Und du glaubst ernsthaft, Goebbels erzählt uns was, was wir eh nicht schon wissen?!” Sie sah mich eisig an, “Das ist Propaganda, das nützt uns doch nichts!” Ich konnte dagegen nichts sagen. Seit Mordecai weg war trank sie andauernd,was wir alle bedauerten. Doch Elisabeth war nicht die Einzige, die Angst hatte.

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